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8.3 Ablauf und Kosten ← Überarbeiten

8.3 Ablauf und Kosten

Idealerweise liegt jeder mir geschickte Text im Normseitenformat vor (siehe 5 Die Normseite).  Ist dies ohne guten Grund nicht der Fall, formatiere ich ihn ggf. selbst entsprechend (siehe 5.2 Normseitenformat).  Gibt es einen guten Grund für die Abweichung von der Normseite (z. B. der explizite Wunsch nach dem Erhalt des Originalformats), rechne ich mit der Zeichenanzahl (1500 Zeichen inklusive Leerzeichen entsprechen dann einer Normseite).

Korrektorat

Ein Korrektorat ist ein einfacher Vorgang.  Ich erhalte den Text, korrigiere ihn, melde mich, erhalte die Bezahlung und schicke ihn mit aufgezeichneten Änderungen zurück (siehe 8.2.1 Änderungsaufzeichnung).  Damit ist der Auftrag beendet.  Die Kundin oder der Kunde kann dann entweder meine Änderungen durchgehen und gezielt annehmen oder verwerfen (siehe 8.2.1 Änderungsaufzeichnung) oder alles auf einen Schlag annehmen.

Kein Korrektor kann 100%ige Fehlerfreiheit garantieren, aber nach diesem Vorgang sind alle grammatischen und orthographischen Fehler (inklusive Interpunktionsfehler) entfernt, die ich gefunden habe.

Ein Korrektorat ändert also den Text bzw. macht konkrete Vorschläge, was wie geändert werden soll.  Nur die seltenen mehrdeutigen Fälle können zu Kommentaren führen (siehe 8.2.1 Änderungsaufzeichnung).

Lektorat

Ein Lektorat ist ein deutlich umfangreicherer Vorgang.  Lektorate sind auch deutlich individueller als Korrektorate.  Bei einem Korrektorat sollte es egal sein, wer der Korrektor ist – das Ergebnis sollte immer gleich aussehen.  Bei einem Lektorat ist von Anfang an klar, dass zwei Lektoren nicht dieselben Kommentare haben werden.  Einige Dinge werden jeder guten Lektorin und jedem guten Lektor auffallen, doch ein großer Teil wird unterschiedlich sein.

Zudem ist ein Lektorat kein Ändern des Textes, sondern ein Kommentieren.  Es verbleibt dann die Aufgabe der Autorin oder des Autors, die Kommentare einzupflegen.

Ich unterscheide nach der Vertragsart des Auftrags:

  • Werkvertrag
    Bezahlt wird nach Textumfang (Normseitenanzahl).
    Bei dieser Vertragsart gibt es folgenden Ablauf:
    1. E-Mail: Text zu mir.
    2. Lektorat (inklusive oberflächlichem Korrektorat).
    3. Zahlung 1. Teilbetrag.
    4. E-Mail: Zwischenversion zurück.
    5. Einarbeitung des Lektorats durch den Autor oder die Autorin (gerne mit Nachfragen).
      Idealerweise: Annahme der Korrekturen und Setzen meiner Kommentare auf erledigt (siehe 8.2.1 Änderungsaufzeichnung und 8.2.2 Kommentare).
    6. E-Mail: überarbeitete Version zu mir.
    7. Gründliches Korrektorat.  Ggf. kleinere Kommentare.
    8. Zahlung Restbetrag.
    9. E-Mail: Endversion zurück.
    10. Endabnahme.  Ggf. Nachfragen.
  • Dienstleistungsvertrag
    Bezahlt wird nach Arbeitszeit.  Im Prinzip läuft alles wie oben, aber der Text kann beliebig oft hin- und hergeschickt werden.  Fragen können diskutiert werden, es kann auch zu Telefonaten oder persönlichen Treffen kommen.  Bezahlt werden vor Abgabe jeweils die Stunden, die beim bisherigen Arbeitsschritt angefallen sind.

Kosten

Wenn mich jemand als Korrektor oder Lektor beauftragen will und ich die Textqualität noch nicht kenne, mache ich ein Probelektorat von einigen (5–10) Seiten.  Auch wenn nur ein Korrektorat gewünscht wird, lektoriere ich, um einen Eindruck davon zu vermitteln, ob es tatsächlich Sinn macht, den Text schon einem Korrektorat zu unterziehen.  Das Ergebnis schicke ich zurück, zusammen mit einem Angebot.

Die Preise schwanken um 4€/Normseite für ein Lektorat und 2€/Normseite für ein Korrektorat.  Besonders unkomplizierte Texte (fehlerfrei, wenig zu kommentieren) können billiger sein, die meisten Texte sind aber eher teurer.  Im Zweifel bitte einfach ein Probelektorat anfragen.


Bitte beachten:

  • Ein Korrektorat macht nur Sinn, wenn der Text schon eine gewisse Qualität hat (siehe 8 Überarbeiten).  Hat er das nicht, kann ich trotzdem ein Korrektorat machen, aber dann muss ich immer wieder Annahmen treffen, was Zeit kostet.  Das treibt den Preis in die Höhe.
  • Ein Lektorat macht nur Sinn, wenn der Text schon eine gewisse Qualität hat (siehe 8 Überarbeiten).  Hat er das nicht, wäre im Lektorat sehr viel zu leisten, die Kosten dadurch immens.  Ich empfehle dann, den Text anhand der hier zusammengetragenen Regeln selbst zu überarbeiten.  Wenn alles, was hier steht, beherzigt worden ist, fallen die größten Kostenpunkte eines Lektorats schon einmal weg.

8.2.2 Kommentare ← Feedback ← Überarbeiten

8.2.2 Kommentare

Das Lektorat eines Textes führe ich durch, indem ich Kommentare an den Text anfüge.  Kommentare fügt man ein, indem man den Cursor platziert oder einen Bereich markiert und dann rechtsklickt.  Im Kontextmenü wählt man dann Kommentar einfügen aus und kann im erscheinenden Kommentarfenster rechts von der Seite den Kommentartext eingeben.

Kommentare werden mit dem Dokument gespeichert, können aber ausgeblendet werden (Ansicht → Kommentare).

Kommentare – wie aufgezeichnete Änderungen – sind einem Benutzer zugeordnet (der auch am unteren Rand des Kommentars genannt wird).  Entsprechend bekommen Kommentare auch verschiedene Farben.

Auf Kommentare anderer Benutzer kann man antworten, der Kommentar wächst dann in verschiedenen Farben nach unten.

Da dies schnell unübersichtlich wird, ist es hierbei grundsätzlich von Vorteil, wenn der Text als Normseiten vorliegt.  Die meisten anderen Formatierungen bieten schlicht nicht genügend Platz.

Kommentare kann man als erledigt markieren.  Erledigte Kommentare kann man gesondert ausblenden (Ansicht → Erledigte Kommentare).  Im Alltag macht es Sinn, die Kommentare dann als erledigt zu markieren, wenn man die Bemerkung des Lektors bearbeitet hat, also seinen Vorschlag eingebaut hat oder sich bewusst entschieden hat, diesen Vorschlag zu ignorieren.

Lektoratskommentare

Viele meiner Kommentare sind nur kurze Vorschläge für eine Alternative zu dem markierten Original, wie in dem Beispiel oben.  Der Vorschlag ist, fahre durch fuhr zu ersetzen.  Wenn der Grund für den Vorschlag offensichtlich sein sollte, steht er nicht da.  Wenn ich denke, dass es einer Erklärung bedarf, steht diese ab Zeile zwei im Kommentar.

Andere Kommentare machen keinen konkreten Vorschlag, sondern bemerken nur etwas, z. B. eine Wortwiederholung.  Manchmal mache ich einen Vorschlag, wie diese vermieden werden kann, doch grundsätzlich ist es nicht Aufgabe des Lektorats, eine bessere Version des Textes zu schreiben.  Wenn also eine Flut von wieder in mehreren Sätzen im Text zu finden ist, markiere ich das, aber ob diese dann durch erneut, nochmal oder ein weiteres Mal ersetzt werden oder ob lieber eine grundsätzliche Umformulierung des Textes erfolgt, liegt nicht im Aufgabenbereich des Lektorats, sondern beim Autor oder der Autorin.

Viele Kommentare erklären das Problem kurz als Stichwort in der ersten Zeile und dann etwas ausführlicher – manchmal mit einem konkreten Formulierungsvorschlag – in den folgenden Zeilen.  Typische Stichworte sind:

  • falsches Wort / falsche Phrase
    Ein Wort oder eine Phrase wird falsch genutzt.

    Er sollte sich nicht zu versichert fühlen

    Er wollte nichts über die Knie brechen.

  • streichen
    Der markierte Teil kann ersatzlos entfallen.  Er trägt nichts (oder nicht genug) zum Kern des Textes bei.

    Wie in einer Zeitlupe …

    → Wie in Zeitlupe …

    Er drückte die Klinke hinab und ging durch die Tür.

    → Er ging durch die Tür.

  • wiederholt
    Ein Wort oder eine Phrase tritt wiederholt (mit zu wenig Abstand) im Text auf.

    Und wieder kam er wieder zu ihr.

    Sie rannten ihm die Türen ein. Am nächsten Tag wurde es noch schlimmer, und sie rannten ihm wieder die Türen ein.

    Die Jungs nahmen dem Mädchen das Geld ab und trollten sich. Anschließend fuhren die Jungs in die Stadt. Nach einer durchzechten Nacht schliefen die Jungs ihren Rausch in einem Gebüsch aus.

  • doppelt
    Ein Umstand wird auf mehrere Arten im Text beschrieben.

    Nach dem Schlag blieb eine leicht oberflächliche Rötung.

  • holpert
    Ein Satz ist nicht gut gestaltet, liest sich nicht gut.  Das kann viele Gründe haben.

    Es sollte auf einen gewissen Punkt hin hinauslaufen.

  • irreführend
    Etwas leitet die Gedanken des Lesers in eine bestimmte Richtung, die nicht intendiert und/oder der Geschichte nicht dienlich ist.

    Er zog die Pistole aus der Manteltasche, mit der er schon drei Menschen erschossen hatte.

    Sie kam im weißen Kleid mit Schleppe und Schleier zu ihm. Er half ihr aufs Pferd, und dann ritten sie zur Jagd.

    In der Tür steckte eine Scheibe. Doch das Glas war zerbrochen, sodass die Tür kein Hindernis mehr darstellte.

  • umständlich

    Die im Schlaf befindliche Krankenschwester …

    → Die schlafende Krankenschwester …

  • inkonsistent
    Dinge im Text widersprechen sich.

    Er stieg aus dem Auto aus und trat aufs Gas.

  • hölzern
    Bezieht sich auf Dialoge.  In der Regel sagt eine Figur Dinge, die nicht so recht zu ihrer Charakterisierung passen wollen und denen man anhört, dass sie genau das sind, was die Geschichte in die geplante Richtung voranbringen soll.

    »Oh, seht ihr die kleine Tür da oben an der Felswand? Ich glaube, dahinter werden wir wohl den Schatz finden. Lasst sie uns erkunden!«

  • Umgangssprache

    Erst mal ging er duschen.

    → Erst einmal …

  • Klischee
    Das kann ein sprachliches Klischee sein:

    Sie kamen auf dem Planeten an, auf dem sie noch große Abenteuer erleben sollten!

    Es kann aber auch ein inhaltliches Klischee sein, z. B. der unerwartete Retter in letzter Sekunde aus höchster Not.
  • unplausibel
    Der Text ist dem Leser an dieser Stelle unplausibel – entweder ist das, weil Figuren sich nicht gemäß ihrer Charakterisierung verhalten oder weil Ereignisse ohne erkennbaren logischen Zusammenhang geschehen.  Oft kombiniert mit sprachlichen Mitteln, die diesen logischen Zusammenhang suggerieren.

    Er ging ins Wohnzimmer, um sich abzuduschen.

  • unklar
    Dem Leser bleibt hier etwas unklar.

    Er schaute zum Bullauge, dann zum Schott. Es näherten sich Schritte von außen.

  • schwammig

    Er lief eine ziemlich lange Weile durch die Gänge.

    Er fühlte sich anders.

  • flapsig

    Der Baum fiel um und knallte auf das Auto.

  • unmotiviert
    Eine Handlung wird im Text beschrieben, bei der der Leser nicht nachvollziehen kann, warum die Figur sich so verhält, wobei der Text aber suggeriert, dass dies nachvollziehbar sei.
  • irrelevant
    Ein Textteil ist für die Geschichte nicht relevant.  Oft ist es ein Nebengedanke, der keine Konsequenz in der Geschichte hat.
  • non sequitur (lat.: »folgt nicht«)
    Etwas im Text ergibt sich nicht aus dem davor, etwas scheint aus heiterem Himmel erwähnt zu werden oder etwas wird sprachlich als logisch folgernd verkauft, ist es aber nicht.

    Er ging in die Küche, schließlich war er kein Kind mehr.

    Nachdem sie gegessen hatten, unterhielten sie sich über den Urlaub. Aber er hatte ja sein Studium noch nicht abgeschlossen, also aß er weniger.

    Wenn jemand etwas von ihm benutzte, wollte er gefragt werden. Schließlich war er auch immer vorsichtig mit seinen Sachen, damit nichts kaputtging.

  • böses Inquit
    Ein Inquit (siehe 3.1 Inquits) beschreibt zu viel zusätzlich oder benutzt Verben, die nicht dazu passen, dass etwas gesagt wird.

    „Mach mir keinen Ärger“, stiert er sie an.

    Er kramte in seiner Tasche: „Hier muss sie doch irgendwo sein!“

    „Oh nein!“, rief er erstaunt über die Tatsache, dass nichts an diesem Tag so funktionieren wollte, wie er es sich erhofft hatte.

Fragen in Kommentaren

Viele meiner Kommentare sind als Fragen formuliert, z. B. Warum geht Paul nicht selbst ins Lager?

Diese Fragen bitte nicht falsch verstehen!  Es sind keine Fragen des Lektors an den Autor oder die Autorin, sondern es ist die Vermutung des Lektors, dass der Leser sich an diesen Stellen diese Fragen stellen wird.  Gemeint ist hier also:  Der Leser fragt sich hier, warum Paul nicht selbst ins Lager geht.  Folglich geht es auch an der Idee der Kommentare vorbei, wenn man mit Erklärungen reagiert.  Dies wird den Text nicht verbessern.  Oft kann ich mir diese Erklärung sogar schon denken, vermute aber, dass die Leser an dieser Stelle stolpern werden.

Die richtige Reaktion ist hier in der Regel, den Text zu verändern.

Antworten auf Kommentare

Antworten auf Lektoratskommentare sind nicht notwendig oder zielführend, es sei denn, etwas an dem Kommentar selbst war unklar.  Dann kann man natürlich nachfragen, was ich denn gemeint habe.  Es kommt vor, dass ich nach einer Nachfrage selbst erkenne, dass ich nur etwas falsch verstanden habe.  In einigen der Fälle hat sich der Kommentar damit erledigt, in anderen wirft diese Situation die Frage auf, ob nicht andere Leser dasselbe Missverständnis haben werden.

Ignorieren von Kommentaren

Will man meinen Lektoratskommentar ignorieren, ist eine Begründung unnötig.  Das kann man gerne tun, und ich erwarte keine Erklärungen.  Ich bin auch nicht gekränkt oder irritiert, wenn jemand meine Kommentare einfach auf erledigt setzt, ohne den Text zu verändern.  Meine Kommentare sind Vorschläge.  Wenn der Autor oder die Autorin eine andere Ansicht zu dieser Stelle hat und auch keinen Diskussionsbedarf verspürt, ist das für mich in Ordnung.


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8 Überarbeiten

8 Überarbeiten (Testlesen, Korrektorat und Lektorat)

Lektoren sind oft zerrissen zwischen Perfektionismus und dem von der Bezahlung verlangten Minimalismus. Man könnte mit geringerem Aufwand sicher auch etwas abliefern, aber das genügt dann den eigenen Ansprüchen nicht mehr. Und an die vielen Stellen, die man glattgebügelt hat, erinnert sich ja keiner. Aber die eine Stelle, die dringeblieben ist, die klebt einem ewig an der Backe und versaut den Ruf.

Qualitätssicherung ist ein undankbarer Job.

Was auch immer geschrieben wird, muss von anderen Leuten gelesen werden.  Niemand ist frei von Rechtschreib- und Grammatikfehlern, und keine Geschichte ist perfekt, so, wie sie einem einzelnen Hirn entspringt.

Entsprechend nützt es jedem Text, jeder Geschichte, durch mehrere Hände zu gehen.  Einige werden dabei weniger, andere mehr beitragen.  Oft gibt es kein brauchbares Feedback, wenn man einen Text testlesen lässt.  Doch die professionelleren Rückmeldungen aus dem Korrektorat und Lektorat sind oft sehr umfangreich.

Man kann grob drei Stufen des Nachbearbeitens eines Textes unterscheiden.

  • Testlesen ist das Vorlegen des Textes zum einfachen Durchlesen.  Hierfür werden oft Freunde und Verwandte eingespannt, doch man sollte möglichst auch Fremde dafür finden, die einem ehrlicher antworten könnten.  Im Idealfall melden diese Leute dann zurück, ob es und was ihnen gefallen hat oder nicht.  Bisweilen kommen auch konkretere Vorschläge.
  • Im Korrektorat werden von einer Fachkraft (oder auch mehreren, wenn es besonders gründlich sein muss) alle Rechtschreib- und Grammatikfehler beseitigt.  Stilfragen und Inhaltliches des Textes werden aber nicht weiter beachtet.  Ein Korrektorat von einem ungeschliffenen Text ist also auch nur begrenzt sinnvoll.  Bisweilen liest sich der korrigierte Text sogar schlimmer (wenn auch korrekter) als das Original:

    Die Gruppe wusste genug und waren wie Freunde für ihn.

    Das könnte im Korrektorat zu Folgendem korrigiert werden:

    Die Gruppe wusste genug, und die Leute waren wie Freunde für ihn.

    Wobei dann geraten wurde, dass die Gruppe aus Leuten besteht, und eigentlich ist das nicht Aufgabe des Korrektorats.

    Oder das Korrektorat ist auf verlorenem Posten, weil die ganze Formulierung so nicht funktioniert:

    Sie wollte, dass ihre Kuchen ihm Freude machten und ihn auch am Mittag, wenn er zum Essen kam, er nun viel lieber kam, weil er sich auf einen leckeren Kuchen freuen konnte.

    Sie spricht leise aus Ehrfurcht, die Leichen würden sie hören.

    Hände, die sensibel seine Einsamkeit hinfort berührten.

    Solche Fälle brauchen ein Lektorat, kein Korrektorat.  Man kann es korrigieren, aber was dabei herauskommt, ist nicht besser als das Original.

  • Im Lektorat wird ein Text auf viele Aspekte hin abgeklopft und überarbeitet.  Dazu gehören:
    • Strukturierung
      Sätze, Absätze, Szenen, Kapitel, Teile, Bände.  Oft werden Absatzwechsel eingefügt, manchmal Textstellen neu angeordnet, selten auch Szenen oder Kapitel umsortiert.  Lücken im Text (zu große Sprünge, fehlende Erklärungen) werden identifiziert, Unnötiges entfernt.
    • Sprache
      • Missglückte Formulierungen

        Sein Studium war kein Kinderschlecken.

      • Unpassende Wörter

        Sie warf sich ihm an den Nacken.

      • Wortwiederholungen

        Wieder sprach sie ihn wieder an.

      • Satzstrukturwiederholungen

        Bald machte er sich auf den Weg. Gleich stand sie auf. Sofort wehrte er sich gegen ihre Begleitung.

      • Dopplungen

        Er langte in seine Tasche und holte mit einem Griff in sein Gepäck den Stadtplan hervor.

      • Zu lange Sätze
        Ab 28 Wörtern – so sagt die Forschung – schalten Leser ab.  Nicht alle und nicht sofort, aber wenn es sich häuft, verliert man nach und nach mehr und mehr Leser.
      • Komplizierte Satzstrukturen

        Die Leute wollten den, der die dem Bauern gehörenden Pferde geklaut hatte, lynchen.

      • Einhalten der Zeitformen

        Ich ging ins Zimmer und rufe nach Mama.

      • Einhalten der grammatischen Person der Erzählung
        (erste Person vs. dritte Person) usw.

        Ich ging zu Peter. »Komm mal mit«, sagte ich. Die beiden verließen zusammen das Zimmer.

    • Perspektive (siehe auch 4.2 Erzählperspektive)
      Geschichten müssen aus einer einheitlichen Perspektive erzählt werden, die nicht wahllos wechseln darf.

      Ich wunderte mich über das Klingeln, machte aber dennoch die Tür auf und plötzlich stand Peter vor mir. Peter erschrak und dachte kurz darüber nach, ob er weglaufen sollte.

    • Inhalt
      • Sachlich Falsches

        Die Hauptstadt von Budapest ist Ungarn.

      • Zusammenhangloses

        Sie marschierten gemeinsam durch die Straßen. Immer größer wurde ihre Gruppe, bis sie schließlich vor dem Präsidentenpalast ankamen, weil sie so viele waren.

        usw.
    • Emotionale Stimmigkeit

      Alle schauten betreten, während sie laut weinend vor Trauer niedersank und sich mit der Hand in einem Hundehaufen abstützte.

    • Pacing
      • Wie schnell kommt die Geschichte voran?
      • Gibt es in den richtigen Abständen neue Hooks für die Leser?
      • Wo sitzen die Plot Points?
      • Wird der Spannungsbogen aufrecht erhalten?
    • Figuren
      • Sind die handelnden Personen stimmig charakterisiert und passen ihre Handlungen zu ihnen?
      • Sind die Figuren interessant?
      • Passen sie zum Genre?
    • Logik
      • Ist die Handlung stimmig und überzeugend?
      • Gibt es Plot-Holes oder Inkonsistenzen?
    • … und noch viele andere Aspekte.

Im Wesentlichen kann man sagen, dass das Lektorat alle Schwächen eines Textes auszubügeln versucht, die über reine Rechtschreib- und Grammatikfehler hinausgehen.

Im englischen Sprachraum wird deshalb auch von mehreren verschiedenen Arten von Editors gesprochen, denen verschiedene Aufgaben zugeordnet werden (siehe diesen Blogartikel von Randy Ingermanson).  Das ist im deutschen Lektorat eher unüblich.  Es kommt allerdings vor, dass mehrere Lektoren nacheinander einen Text bearbeiten, und dann vielleicht auch mit verschiedenen Schwerpunkten.

Weist ein Text viele Probleme auf, ist ein Lektorat also sehr aufwendig.  Weist er keine Probleme auf, ist diese Arbeit nur ein einfaches Durchlesen und Abnicken.  (Wobei dieser Idealfall unrealistisch ist.)  In der Regel richtet sich der Preis eines Lektorats nach diesem Aufwand.  Ist der Ausgangstext zu schlecht, wird das Lektorat meist zu teuer für praktische Belange.  Viele Lektorinnen und Lektoren lehnen das Lektorat in solchen Fällen ab, manche verweisen dann auf Schreibkurse oder bieten stattdessen ein Ghostwriting an.

Lektorate sind üblich, wenn ein Manuskript von einem Verlag oder einer Agentur angenommen wird.  Aber auch Selfpublisher können sich ein Lektorat einkaufen.  Korrektorate macht man in der Regel ganz am Schluss unmittelbar vor dem Satz und dem Druck des Buches.

8.1 Erleichterungen

Testlesern kann man die Arbeit nicht erleichtern.  Ihre Aufgabe ist, den Text zu lesen und sich eine Meinung zu bilden, die man hinterher abfragt.  Diese Aufgabe kann nur angenehmer oder unangenehmer sein, je nachdem, ob dem Testleser der Text gefällt oder nicht.

Dem Korrektorat kann man die Arbeit schon erheblich erleichtern, indem man die grundlegenden Regeln beachtet, die nur das Wissen darum erfordern, wie z. B. die Zeichensetzung bei Dialogen.  Wenn dort bestimmte Dinge sehr oft oder immer falsch gemacht werden, wird die Korrektur sehr aufwendig und damit teuer.  Am billigsten zu korrigieren ist ein schlicht geschriebener Text ohne Fehler.

Dem Lektorat kann man die Arbeit immens erleichtern, indem man die grundlegenden Regeln des Schreibens schon vor dem Lektorat beachtet, von denen ich hier die sammle, die am häufigsten falsch gemacht werden.

Man wird durch Beachten der Regeln das Lektorat nicht komplett ersetzen können, aber es kann sehr viel kostengünstiger ausfallen oder überhaupt erst möglich werden.


Nächster Abschnitt: 8.2 Feedback

5 Normseite

5 Die Normseite

5.1 Verwendung

Im Literaturbusiness wird von denen, die längere Texte verfassen, erwartet, dass sie diese auf Normseiten einreichen.  Das hat zum einen Tradition, die bis weit in die Schreibmaschinenzeit zurückreicht.  Wer häufig fremde Texte lektoriert oder korrigiert (siehe 8 Überarbeiten), ist an dieses Format gewöhnt.  Zum anderen hat es auch handfeste praktische Gründe, dieses Format einzuhalten:

  • Bearbeitungskosten (Lektorat, Korrektorat) werden (oft) basierend auf der Anzahl der Normseiten kalkuliert.
    Bei nicht genormten Seiten kann pro Seite mehr oder weniger Text vorhanden sein, ein Roman von 500 Normseiten Länge hat bei einem anderen Seitenlayout vielleicht nur noch 320 Seiten Länge.  Der Bearbeitungsaufwand ist dadurch aber nicht geschrumpft.
  • An der Anzahl der Normseiten kann man erkennen, ob ein Werk schon allein aufgrund des Umfangs in ein Verlagsprogramm oder Genre passt.
    Ein Liebesroman von 850 Normseiten Länge wird es schwer haben.  Ebenso wird ein Verlag ein Buch mit 230 Normseiten Länge nicht in einer Reihe für epische Fantasy unterbringen.
  • Auf einer Normseite ist genügend Platz, um Kommentare unterzubringen.
    Das war vor allem früher relevant, als noch vorrangig auf Papier und mit dem Rotstift korrigiert und lektoriert wurde.  Doch auch heute, wo diese Arbeitsschritte meistens am Computer erfolgen, wird es schnell unübersichtlich, wenn sich pro Seite zu viele Kommentare tummeln.

Wofür wird die Normseite verwendet?  Das ergibt sich aus den oben genannten Zwecken:

  • Immer, wenn ein Lektorat und/oder Korrektorat erfolgen soll.
  • Immer, wenn etwas an seinem Umfang gemessen werden soll.

Wenn etwas einfach nur gut lesbar sein soll, kann man Normseiten verwenden, man muss aber nicht, und bei einigen Dingen sind sie eher unüblich.

5.1.1 Manuskript, Leseprobe, Exposé?

Ein Manuskript ist das Paradebeispiel für die Verwendung der Normseite.  Manuskripte werden immer in Normseiten formatiert.


Eine Leseprobe ist ein Auszug aus einem Manuskript, und in aller Regel wird diese demnach auch in Normseiten formatiert.  Allerdings wird eine Leseprobe selten auf ihre Länge hin bewertet, und wenn es um eine Bewerbung eines Werkes bei einem Verlag oder einer Agentur geht, erfährt sie in der Regel auch weder Korrektur noch Lektorat.  Dennoch dürften die typischen Empfänger (Verlagslektoren usw.) das Normseitenformat für diese Art Text so gewohnt sein, dass sie nichts anderes erwarten werden.


Ein Exposé (siehe 6.1 Das Exposé) hingegen ist Teil der Bewerbung des Werkes, nicht Teil des Werkes selbst.  Es muss nur gut lesbar sein, eine Formatierung als Normseiten ist bei ihm nicht notwendig.  Dasselbe gilt für jede Art von Anschreiben, für die Vita des Autors, für Figurenaufstellungen für Weltenbeschreibungen und ähnliche Erläuterungen zum Werk und für Pitches, Klappentexte oder Teaser.

Andererseits werden bei Exposés oft konkrete Längen gefordert (z. B. Inhaltsangabe auf nicht mehr als zwei Seiten), dann sind mit Seiten immer Normseiten gemeint.  Die Formatierung in Normseiten kann dann also wieder sinnvoll sein.


Im Zweifel sollte man sich immer fragen:  Erfüllt die Normseite hier einen der oben genannten Zwecke?  Wenn ja, dann sollte man sie verwenden.  Wenn nein, kann man auch anders (gefälliger) formatieren.  Wenn man sich unsicher ist, ist die Normseite aber nie verkehrt.


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