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1 Strukturierung von Erzählungen

1 Strukturierung von Erzählungen

1.1 Kategorien

Erzählungen sind strukturiert in folgende Kategorien:

  • Zyklus (auch Reihe, Trilogie usw. genannt)
    Damit sind mehrere zusammenhängende Bände gemeint (s. u.).
    Der Herr der Ringe besteht aus drei solchen Bänden und ist daher eine Trilogie.
    Physisch ist ein Zyklus manchmal in einem Schuber (oder mehreren) untergebracht.
  • Band
    Ein Band ist eine physische Papiersammlung zwischen zwei Buchdeckeln.  Es gibt sie als gebundenes Buch (Hardcover) und als Taschenbuch (Paperback).
    Die zwei Türme ist der zweite Band des Herrn der Ringe.
  • Teil
    Ein Band kann mehrere Teile enthalten.
    Die zwei Türme enthält zwei Teile, die Drittes Buch und Viertes Buch heißen.
    Teile beginnen auf neuen Seiten.  Oft haben sie sogar eine Zwischenseite, auf der nur der Titel des Teils steht.

    Es gibt hier offensichtlich bzgl. der Begriffe keine feste Zuordnung.  Ein Buch kann ein Band sein oder auch ein TeilDer Herr der Ringe besteht nach seiner Deklaration aus drei Bänden à zwei Büchern, also aus insgesamt sechs Büchern.  Zudem werden die Bände in ihrem jeweiligen Untertitel auch noch Teil genannt.  Wir haben also eine heillose Verwirrung.

    Uns muss das nicht kümmern.  Für uns ist nur relevant, dass es diese Kategorien gibt.  Es gibt aber z. B. keine Sammlungen von mehreren Zyklen, oder eine weitere (übliche) Kategorie zwischen Band, Teil und Kapitel.

  • Kapitel
    Ein Teil kann mehrere Kapitel enthalten.
    Das Dritte Buch aus Die zwei Türme fängt mit dem Kapitel Boromirs Tod an (ich hoffe, jetzt habe ich nicht gespoilert).  Kapitel können Titel haben, sie müssen aber nicht.  Sie können nummeriert sein, sie müssen aber nicht.
    Eine besondere Art Kapitel sind Prolog und Epilog.  Der eine steht am Anfang, der andere am Ende eines Zyklus, Bandes oder (selten) Teils.  Prologe und Epiloge werden nicht nummeriert, sie können aber einen Titel haben.
    Eine ebenfalls noch übliche Kapitelart sind Zwischenspiele (Intermezzi).  Diese können zwischen Teilen stehen oder an Teile angehängte spezielle Kapitel sein, wenn dann noch etwas folgt.
    Z. B. hat Es von Stephen King fünf Teile (in einem Band), an die sich jeweils ein Zwischenspiel anschließt, dann folgt noch ein Epilog.
    Prologe, Epiloge und Zwischenspiele sind in der Regel inhaltlich etwas von der Haupthandlung abgesetzt.  Sie zeigen z. B. andere Figuren oder spielen in einer anderen (früheren oder späteren) Zeit.

Während die oben genannten Kategorien vermutlich jedem bekannt und geläufig sind, ist die folgende oft nicht bewusst:

  • Szene
    Ein Kapitel besteht aus einer oder mehreren Szenen.  Eine Szene ist ein zusammenhängender Handlungsablauf, der in der Regel ohne zeitliche oder räumliche Sprünge auskommt.  Die Erzählung verfolgt kontinuierlich die Figuren in einer Szene.  Szenen gehen auch oft ineinander über, z. B. wenn neue Figuren hinzukommen oder abtreten.  Eine klare Abgrenzung ist daher nicht immer möglich und auch in der Regel gar nicht notwendig.  Für uns werden sie nur im Zusammenhang mit der Formatierung von Szenenwechseln wichtig.
    Das Kapitel Boromirs Tod besteht aus etwa sieben Szenen.
  • Absatz
    Eine Szene besteht aus einem oder (hoffentlich) mehreren Absätzen.  Absätze entsprechen grob Gedankengängen.  Ist ein Gedanke abgeschlossen, wird ein neuer Absatz begonnen.  (Mehr dazu im Abschnitt 1.3 Absätze.)

Nächster Abschnitt:  1.2 Szenenwechsel

1.2 Szenenwechsel ← Strukturierung von Erzählungen

1.2 Szenenwechsel

Viele Szenenwechsel gehen beim Lesen und Schreiben völlig unter, und das ist auch kein Problem.  Der Inhalt des Textes kann den Szenenwechsel vollständig repräsentieren.  Es ist in vielen dieser Fälle nicht notwendig, etwas am Text speziell zu formatieren.

Aber Boromir sprach nicht mehr.

»Oh weh!«, sagte Aragorn. »So stirbt der Erbe von Denethor, des Herrn des Turms der Wache! […] Was soll ich nun tun? Boromir hat mir auferlegt, nach Minas Tirith zu gehen, und mein Herz wünscht es; aber wo sind der Ring und sein Träger? Wie soll ich sie finden und die Fahrt vor dem Scheitern bewahren?«

Eine Weile kniete er noch, gebeugt vom Schmerz, und umklammerte Boromirs Hand. So fanden ihn Legolas und Gimli. Sie kamen von den westlichen Hängen des Bergs, lautlos, und krochen zwischen den Bäumen hindurch, als ob sie auf der Jagd seien. […]

In diesem Text aus Boromirs Tod findet ein fließender Szenenübergang statt mit dem Satz So fanden ihn Legolas und Gimli.  Neue Figuren treten auf, die Stimmung ändert sich.  Wir sehen also, dass Szenen ineinander übergehen können, ohne eine optische Spur im Text zu hinterlassen.

Es kommt aber auch vor, dass der Text uns nicht sofort mit seinem Inhalt vermittelt, dass eine neue Szene beginnt.

»Dann werde ich eben ganz ohne euch alle davonlaufen! Ich werde mir ein neues Zuhause suchen und neue Eltern! Ich werde mir auch neue Geschwister suchen, die mich nicht immer im Stich lassen, wenn es darauf ankommt!«

Niemand wollte etwas sagen. Schweigend und betreten gingen alle ins Bett.


»Weißt du, ob Mick schon weg ist?«, fragte am nächsten Morgen Mark seine Schwester. Er warf einen unsicheren Blick in das leere Bett seines kleinen Bruders.

In diesem Beispiel gibt es einen Szenenwechsel unmittelbar vor der Frage, ob Mick schon weg ist.  Wir erfahren im anschließenden Inquit aus dem Text, dass diese erst am Morgen danach gestellt wird.  Diese Frage erfolgt also etliche Stunden später, damit ist es eine neue Szene.  Um den Leser darauf hinzuweisen, wird hier der Szenenwechsel durch einen großen Absatz markiert.

Ein großer Absatz kann optisch – wie hier – durch eine Leerzeile markiert werden.  In dieser Leerzeile kann aber auch ein spezielles Zeichen stehen.  Ein historisch gesehen häufig dafür verwendetes Zeichen ist der Asterism, auch Dinkus oder Abteilungssternchen genannt:

Heute ist er allerdings nicht mehr sehr gebräuchlich.  Aber auch drei Sternchen nebeneinander

*  *  *

oder auch nur einer

*

oder eine kurze horizontale Linie (Abteilungslinie)

————

oder eines von mehreren möglichen graphischen Symbolen wie das Fleuron

oder das rotierte Fleuron

oder ein ornamentierter, größerer Stern

ist möglich.

Was am Ende verwendet wird, ist eine Entscheidung des Setzers, die von Verlag zu Verlag und auch nach Genre des Textes unterschiedlich gehandhabt wird.  Für das Schreiben einer Erzählung ist nur relevant, dass es Szenenwechsel gibt, die optisch durch einen großen Absatz markiert werden.

Im Manuskript (siehe 5 Die Normseite) würde ich immer empfehlen irgendein spezielles Zeichen mittig in die Leerzeile zu setzen, damit der große Absatz nicht übersehen werden kann, falls er am Seitenende oder -anfang landet (siehe 5.3.1 Szenenwechsel).  Ich selbst benutze das Sternchen (*).  Im englischen Sprachraum wird in einigen Ratgebern empfohlen, das Doppelkreuz (#) zu benutzen.


Nächster Abschnitt: 1.3 Absätze