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4.6.2 Perspektivwechsel ← Schwierigkeiten von Anfängen ← Die Sprache der Erzählung

4.6.2 Perspektivwechsel

Die Regeln zu Erzählperspektiven werden genauer unter 4.2 Erzählperspektive beschrieben.


Zu Beginn einer Geschichte treten oft mehrere Figuren gleichzeitig auf, schließlich will man ja auch möglichst schnell einen Konflikt in der Erzählung haben.  Jede Figur hat nicht nur einen eigenen Hintergrund, sondern auch eigene Ansichten.

Hier gibt es die große Versuchung, die verschiedenen Ansichten der verschiedenen Figuren möglichst schnell erwähnen zu wollen.  Benutzt man einen auktorialen Erzähler, dann kann man das auch.  In allen anderen Erzählperspektiven ist das aber nicht so leicht möglich, wird aber dennoch immer wieder versehentlich gemacht.

Grolt trat aus der Höhle und blickte über den Abhang auf die feindliche Armee hinab. Tausende der zerbrechlichen menschlichen Soldaten waren dort versammelt, mit Speeren, Schilden und zum Teil großen Maschinen. Was diese ihnen wohl bringen sollten? Ein Katapult mochte gegen Burgmauern der Menschen etwas ausrichten können, doch wollten diese zarten Wesen tatsächlich Steine gegen die Flanken der Berge schleudern, in denen die Trollhöhlen waren? Grolt runzelte die Stirn.

Etwas flog heran, etwas Leichtes, Kleines. Mit einem pfeifenden Geräusch schlug es einige Meter vor ihm auf den Fels auf, sprengte eine kleine Staubwolke empor und rutschte dann weiter bis vor seine Füße. Aufgeregte Befehle wurden in der Armee gerufen, und es blieb bei dem einen Geschoss. Grolt bückte sich und hob den Pfeil auf. Mit dem Daumen knickte er das harmlose Ding ab. Diese Menschen waren wirklich nicht zu verstehen.

»Was wollt ihr?«, rief er den Menschen entgegen. Seine Stimme war tief, rau und sehr laut. Die Geräusche von klappernden Waffen, Schilden und Gesprächen, die er konstant von den Soldaten gehört hatte und die ihn auch aus der Höhle gelockt hatten, verstummten jetzt fast völlig.

Ein Mensch trat aus der Armee hervor. Er war gerüstet, aber nicht besonders groß oder kräftig. Für einen Menschen vielleicht schon, doch aus Grolts Sicht war das kein Gegner. Grolt war alt und Neugierde war nicht mehr seine hervorstechendste Eigenschaft. Doch er wollte wissen, was dieser Mensch sich dabei dachte, so ungeschützt zu ihm zu kommen, also beobachtete er stumm, wie die kleine Figur den Abhang hinaufkletterte und sich schließlich vor ihm aufbaute.

»Ich bin Sirgud aus dem Hause Ebendreich!«, rief der Mensch. »Wir fordern den Berg von Euch!« Dünn und fast vom Wind davongetragen schien ihm seine Stimme. Kein Vergleich zu dem satten Trollbass, der eben noch den Hang herabgerollt war und so viele seiner Soldaten in Furcht und Schrecken versetzt hatte. Kaum hatte er die Forderung ausgesprochen, schien sie ihm albern, als würde man von einem Gewitter den Abzug fordern.

Die Erzählung ist in einer personalen Perspektive verfasst und schaut zu Beginn durch die Augen des Trolls Grolt.  Es werden seine Wahrnehmungen, seine Einschätzungen und Überlegungen geschildert, und es wird beschrieben, was er tut.  Als er spricht, wird seine Stimme aus der Perspektive des neutralen Erzählers als tief, rau und sehr laut beschrieben.  Damit wird ein Perspektivwechsel vollzogen, denn der Troll selbst wird seine eigene Stimme vermutlich nicht besonders tief, rau oder laut wahrnehmen.  Diese Art von kleinem Perspektivwechsel ist eine vertretbare Konzession an die Erwartung des Lesers, der ja schließlich auch noch in die Situation eingeführt werden muss, aus Trollaugen zu schauen.

Doch als Sirgud spricht, wechselt die Perspektive zu dem Menschen.  Ihm (gemeint ist Sirgud) scheint seine Stimme dünn.  Der Trollbass wird jetzt beschrieben als etwas, das den Hang herabgerollt ist (nicht etwa hinabgerollt, was aus Grolts Sicht korrekt wäre).  Es werden Furcht und Schrecken genannt, die seine Soldaten haben und es wird Sirguds Gefühl von Aussichtslosigkeit beschrieben.


Besonders an Anfängen von Geschichten finden sich solche ungeschickten Perspektivwechsel, weil die Versuchung groß ist, alle interessanten Figuren auch gleich zu charakterisieren und dafür auch ihre Gefühle und Gedanken zu schildern.

Solche Perspektivwechsel funktionieren nicht in einer personalen Erzählperspektive, sie irritieren den Leser.  Möchte man so etwas beschreiben, sollte man den auktorialen Erzähler wählen, der problemlos die Sicht jeder Figur beschreiben kann.

Doch es ist oft reizvoller, zunächst auf einen umfassenden Bericht über die Befindlichkeiten aller Figuren zu verzichten und stattdessen konsequent aus einer Perspektive zu erzählen.  Um so überraschender ist es, wenn später die Perspektive wechselt und die schon beschrieben Situation noch einmal (als Erinnerung oder tatsächlich noch einmal) erzählt wird.


Nächster Abschnitt:  4.6.3 Stimmungsbrüche

4.4 Ausblicke ← Die Sprache der Erzählung

4.4 Ausblicke (Konjunktiv)

In Erzählungen im Präteritum

Es kommt vor, dass in Erzählungen berichtet wird, was aus der aktuellen Situation heraus in der Zukunft erwartet wird.  Dafür wird dann der Konjunktiv verwendet:

Tomas kam in sein Büro und goss sich sofort Kaffee in seinen Pott. In wenigen Minuten würde Marion hereinkommen, und dann würde er ihr sofort die Akten geben.

Mit dieser Form wird erzählt, dass eine sehr konkrete Erwartung an die Zukunft im Raum steht.

Man kann durchaus der Ansicht sein, dass es sich hier gar nicht um einen Konjunktiv handelt, sondern lediglich um das Präteritum des Verbs werden.  Diese Frage ist für das Schreiben von Geschichten aber ohne weiteren Belang.

Die »feinere« Variante des Konjunktivs ohne würde (hereinkäme statt würde … hereinkommen) bleibt dem Potentialis vorbehalten (»könnte passieren«):

Tomas kam in sein Büro und goss sich sofort Kaffee in seinen Pott. Falls in wenigen Minuten Marion hereinkäme, würde er ihr sofort die Akten geben. Aber wahrscheinlicher war, dass er sie ihr würde bringen müssen.

Der Satzteil nach dem Komma (würde … geben) und der letzte Satz sind weiterhin konkrete Ausblicke, daher bleibt es dort bei der Verwendung von würde.

Man liest aber auch die »feinere« Variante des Konjunktivs ohne würde als Ausblick:  In wenigen Minuten käme Marion herein, und dann gäbe er ihr sofort die Akten.

Klar falsch ist hier keine Version, und schlussendlich ist es eine Stilfrage, die auch mit dem Genre abgewogen werden sollte.

Der Irrealis (»hätte passiert sein können«) kann nicht in Ausblicken vorkommen, da er Dinge überdenkt, die schon bekannterweise nicht geschehen oder nicht der Fall sind – hier nur der Vollständigkeit halber:

Tomas kam in sein Büro und goss sich sofort Kaffee in seinen Pott. Wäre Marion jetzt hereingekommen, hätte er ihr sofort die Akten gegeben. Aber offensichtlich würde er sie ihr bringen müssen.

In Erzählungen im Präsens

Hier kann das einfache Futur benutzt werden:

Tomas kommt in sein Büro und gießt sich sofort Kaffee in seinen Pott. In wenigen Minuten wird Marion hereinkommen, und dann wird er ihr sofort die Akten geben.

Aber auch im Präsens findet sich bisweilen der Konjunktiv für Ausblicke (s. o. bei Präteritum).  Klar falsch ist wieder keine Version, wieder ist es eine Stilfrage (s. o.).

Einhaltung der Perspektive

Auch bei Ausblicken ist zu beachten, dass die Perspektive der Erzählung (siehe 4.2 Erzählperspektive) nicht verlassen werden darf.  Erzählt man in der personalen Perspektive, sollten nur Erwartungen genannt werden, die die Figur hat, aus deren Perspektive man erzählt.  In der neutralen Perspektive kann man ausschließlich Ausblicke erzählen, die unabhängig von den Figuren sind:

Tomas und Marion warteten an der Bushaltestelle. Der Bus würde bald kommen, doch nichts würde Tomas dazu bringen, dann einzusteigen.

Der erste Teil des Ausblicks (Der Bus würde bald kommen) ist ein Ausblick, den auch ein neutraler Erzähler machen könnte, doch der zweite Teil (… nichts würde Tomas dazu bringen, dann einzusteigen) ist nicht mehr neutral, sondern beschreibt die Absicht Tomas’ und ist damit eine personale Perspektive.


In der personalen Perspektive kann man nur Ausblicke formulieren, die die Figur hat, deren Perspektive man erzählt:

»Lass mich in Ruhe!«, sagte Tomas. Er würde die aufdringliche Marion nie ins Vertrauen ziehen!

»Ich will doch nur wissen, was mit der Firma los ist!« Mit etwas mehr Überredungskünsten würde Marion ihn schon noch überzeugen können, ihr alles zu erzählen.

Die beiden hier genannten Ausblicke sind die Erwartungen verschiedener Personen.  Damit findet ein Perspektivwechsel statt.

So etwas ist ein Kennzeichen eines auktorialen Erzählers.  In der personalen Perspektive ist das nicht möglich, da dort so ein Wechsel nicht spontan in einer Szene erfolgen kann.


Nächster Abschnitt:  4.5 Anreden (Duzen, Siezen, Ihrzen)

4.2 Erzählperspektive ← Die Sprache der Erzählung

4.2 Erzählperspektive

Es gibt vier klassische Erzählperspektiven.  An eine davon sollte man sich konsequent halten.

Spezielle Kapitel wie Prologe, Zwischenspiele und Epiloge sind oft in der Erzählperspektive des auktorialen oder neutralen Erzählers (s. u.) geschrieben, auch wenn in den anderen Kapiteln eine eingeschränktere Perspektive genutzt wird.  (Zu allem anderen siehe die Vorbemerkung zu Regeln in der Menüleiste.)

4.2.1 Der Ich-Erzähler

In dieser Perspektive wird die Geschichte aus der Sicht eines Protagonisten erzählt, der auch selbst der Erzähler ist.  Folglich spricht er von sich in der ersten Person (ich).

Der Leser erfährt nur das, was diese eine Figur erlebt, denkt und fühlt.  In einer Ich-Erzählung kommt nicht vor, was in den Köpfen anderer Figuren vor sich geht.  Lediglich das, was der Ich-Erzähler wahrnimmt, weiß und vermutet, wird berichtet:

Ich kam ins Büro und warf meine Tasche in den Schrank. Ich ärgerte mich sehr über meinen Chef. Er schien mir nie zufrieden und die Gehälter der Mitarbeiter der Firma kamen mir auch viel zu niedrig vor.

Vorteil:  Der Ich-Erzähler erleichtert bzw. verstärkt die Identifikation mit dieser Figur.

Nachteil:  Die Geschichte wird aus einem einzelnen Blickwinkel erzählt.  Nicht jede Geschichte eignet sich dafür.

4.2.2 Die personale Perspektive

Diese Perspektive ist dem Ich-Erzähler ähnlich, allerdings wird in der dritten Person (er/sie) erzählt.  Auch hier beschränkt sich die Erzählung auf das, was eine einzelne Figur wahrnimmt, denkt und fühlt:

Marion kam ins Büro und warf ihre Tasche in den Schrank. Sie ärgerte sich sehr über ihren Chef. Er schien nie mit ihrer Arbeit zufrieden zu sein und die Gehälter der Mitarbeiter der Firma kamen ihr auch viel zu niedrig vor.

Die personale Perspektive muss nicht beschreiben, was in der Figur vorgeht.  Figuren können dadurch eine Aura des Unnahbaren bekommen.  Doch wenn man diese Perspektive wählt, dann ist es wie ein Verrat am Leser, wenn man relevante Gedanken und Gefühle der gewählten Figur nicht erwähnt.  Man kann andeuten, dass etwas nicht gesagt wird.

Marion hatte bereits einen Plan, doch mit dem würde sie noch bis nach Weihnachten warten. Sie brauchte dafür den Schnee, der dann sicher fallen würde.

Doch so etwas droht schnell, bedeutungsschwanger und ominös zu werden.

Will man den Leser damit überraschen, dass eine Hauptfigur einen geheimen Plan hatte und sich dadurch als etwas anderes entpuppt, als es ursprünglich den Anschein hatte, dann ist eine neutrale Perspektive (s. u.) oft besser geeignet.

Vorteil:  Die Identifikation mit der Figur ist noch immer recht hoch, aber man kann unkomplizierter die Figur wechseln (z. B. von Kapitel zu Kapitel verschiedene Protagonisten beschreiben).  Ein Ich-Erzähler bleibt hingegen bei einer Figur.

Nachteil:  Man kann noch nicht alle Umstände beschreiben und erfährt wieder nur das Innenleben der gewählten Protagonisten.  Treffen mehrere interessante Figuren aufeinander, kann man die Situation nur aus der Sicht einer dieser Figuren beschreiben.  Die Gedanken und Gefühle der anderen Figuren können nur durch Beschreibungen ihres Verhaltens erzählt werden.

4.2.3 Die neutrale Perspektive

Hierbei wird wie in einem Film beschrieben, was die Figuren tun.  Aus den Beschreibungen kann der Leser ableiten, wie das Innenleben der Figuren ist, aber es wird nicht explizit erzählt:

Marion kam ins Büro und warf ihre Tasche mit einiger Wucht in den Schrank, sodass es schepperte. Sie stand wütend schnaubend noch einen Moment da, die Hände in die Hüften gestützt.

Vorteil:  Durch das erzwungene Show-Don’t-Tell steigert sich die Visualität der Beschreibungen.  Bei dieser Erzählweise kann man den Leser problemlos im Unklaren lassen, wer welche Ziele verfolgt (Spionagethriller usw.).  Der Leser hat mehr Freiraum, wen er als Identifikationsfigur ansieht, und das kann im Laufe der Geschichte auch wechseln.  Generell sind die Erzählungen dadurch unvorhersehbarer; Figuren können (anders als beim Ich-Erzähler) z. B. wegsterben.

Nachteil:  Der Leser identifiziert sich schwerer mit einem Protagonisten.  Es ist mühsam, das Innenleben einer Figur zu klären, da man nur ihr Äußeres beschreiben kann.  Ein Restzweifel bleibt selbst bei minutiöser Beschreibung.  Im Beispiel oben erfahren wir durch unser Zuschauen nicht, was Marion so wütend macht.  (Um das doch noch zu klären, kann man Marion z. B. ihr Problem mit jemandem besprechen lassen.)

Die neutrale und die personale Perspektive werden hin und wieder gemischt.  In diesen Fällen handelt es sich streng genommen um eine personale Perspektive, die sich aber phasenweise mit der Beschreibung des Innenlebens ihrer gewählten Figur so sehr zurückhält, so dass sie dann wie eine neutrale Perspektive erscheint.

4.2.4 Der auktoriale Erzähler

Die umfangreichste Erzählperspektive ist der auktoriale Erzähler.  Er ist allwissend, kennt alle Fakten und kann in den Kopf jeder Figur schauen:

Marion kam ins Büro und warf ihre Tasche in den Schrank. Sie ärgerte sich sehr über ihren Chef Markus. Ihrem Eindruck nach war er nie zufrieden und zahlte auch zu geringe Gehälter an die Mitarbeiter der Firma aus. Sie ahnte nicht, dass Markus nur deshalb immer so griesgrämig schaute, weil er nicht wusste, ob er die nächsten Gehälter überhaupt noch überweisen konnte. Die Firma war beinahe bankrott. Mit Marions Arbeit war Markus in Wirklichkeit mehr als zufrieden, er betrachtete sie sogar als seine Nachfolgerin, wenn er sich einmal zur Ruhe setzen sollte.

Wie viel er tatsächlich preisgibt, ist nicht festgelegt.  Einige auktoriale Erzähler berichten sogar gleich zu Beginn der Erzählung, wie sie enden wird:

Dies sind die letzten vierzehn Tage aus dem Leben Peter Grumptons.

Natürlich wäre jeder Witz weg, wenn nichts verheimlicht würde, daher sollte auch der gesprächigste auktoriale Erzähler entscheidende Informationen erst zu bestimmten Zeitpunkten preisgeben.

Vorteil:  Man kann dem Leser alles uneingeschränkt berichten.  Oder es lassen, wenn man das nicht möchte.  Man kann sogar phasenweise in eine personale Perspektive wechseln, z. B. um dadurch die Spannung zu erhöhen.

Nachteil:  Der Leser identifiziert sich oft mehr mit dem Erzähler als mit den Figuren, und wenn dieser Erzähler ihm etwas verschweigt, wird das schnell als Vertrauensbruch empfunden.  Um das zu vermeiden, kann der auktoriale Erzähler auch explizit sagen, dass er bestimmte Dinge nicht sagt:

Marion kam ins Büro und warf ihre Tasche in den Schrank. Sie ärgerte sich sehr über ihren Chef Markus. Ihrem Eindruck nach war er nie zufrieden und zahlte auch zu geringe Gehälter an die Mitarbeiter der Firma aus. Sie ahnte nicht, worin das viel größere Problem bestand, sonst hätte sie sich weniger über Markus aufgeregt.

Der Nachteil dieser Methode ist, dass es schnell aufgesetzt und bedeutungsschwanger wirken kann.  Im Extremfall kann der auktoriale Erzähler auch in die erste Person wechseln:

Marion kam ins Büro und warf ihre Tasche in den Schrank. Sie ärgerte sich sehr über ihren Chef Markus. Ihrem Eindruck nach war er nie zufrieden und zahlte auch zu geringe Gehälter an die Mitarbeiter der Firma aus. Ich werde hier noch nicht berichten, was hinter den Problemen steckte, die Markus so reagieren ließen, doch hätte Monika mehr gewusst, wäre sie weniger ärgerlich gewesen.

Generell bewirkt diese Erzählperspektive in aller Regel eine erhebliche Distanzierung und sorgt dafür, dass der Leser weniger in der Geschichte steckt.

Bei Kinderbüchern wird diese Art der Erzählung gerne gewählt, weil sie der ohnehin zu erwartenden Vorlesesituation entspricht:  Die Vorleserin oder der Vorleser verkörpert dann den auktorialen Erzähler.  Zudem vermittelt sie ein gewisses Maß an Sicherheit:  Der Figur kann viel passieren, doch der allwissende Erzähler behält den Leser sorgsam an der Hand und erklärt ihm alles:

Er weinte wegen des Geldes. Und er weinte wegen seiner Mutter. Wer das nicht versteht, und wäre er noch so tapfer, dem ist nicht zu helfen. Emil wusste, wie seine Mutter monatelang geschuftet hatte, um die hundertvierzig Mark für die Großmutter zu sparen und um ihn nach Berlin schicken zu können. Und kaum saß der Herr Sohn im Zug, so lehnte er sich auch schon in eine Ecke, schlief ein, träumte verrücktes Zeug und ließ sich von einem Schweinehund das Geld stehlen. Und da sollte er nicht weinen? Was sollte er nun anfangen?

4.2.5 Fazit

Man sollte sich also vor der Wahl der Erzählperspektive gut überlegen, was man wie erzählen möchte.  Die Wahl sollte dann auf diejenige fallen, die am besten zu den Anforderungen der Geschichte passt, und auch die Geschichte muss vielleicht entsprechend gestutzt werden an den Stellen, die sich mit der gewählten Perspektive nicht gut erzählen lassen.

Natürlich könnte man einige Teile als auktorialer Erzähler schreiben, andere als Ich-Erzähler und wieder andere neutral verfassen, um so die jeweiligen Vorteile optimal abgrasen zu können.

Doch das wird den Leser irritieren, weil es nicht üblich ist und er sich jedesmal komplett neu orientieren muss.


Nächster Abschnitt:  4.3 Rückblicke (Perfekt)

8 Überarbeiten

8 Überarbeiten (Testlesen, Korrektorat und Lektorat)

Lektoren sind oft zerrissen zwischen Perfektionismus und dem von der Bezahlung verlangten Minimalismus. Man könnte mit geringerem Aufwand sicher auch etwas abliefern, aber das genügt dann den eigenen Ansprüchen nicht mehr. Und an die vielen Stellen, die man glattgebügelt hat, erinnert sich ja keiner. Aber die eine Stelle, die dringeblieben ist, die klebt einem ewig an der Backe und versaut den Ruf.

Qualitätssicherung ist ein undankbarer Job.

Was auch immer geschrieben wird, muss von anderen Leuten gelesen werden.  Niemand ist frei von Rechtschreib- und Grammatikfehlern, und keine Geschichte ist perfekt, so, wie sie einem einzelnen Hirn entspringt.

Entsprechend nützt es jedem Text, jeder Geschichte, durch mehrere Hände zu gehen.  Einige werden dabei weniger, andere mehr beitragen.  Oft gibt es kein brauchbares Feedback, wenn man einen Text testlesen lässt.  Doch die professionelleren Rückmeldungen aus dem Korrektorat und Lektorat sind oft sehr umfangreich.

Man kann grob drei Stufen des Nachbearbeitens eines Textes unterscheiden.

  • Testlesen ist das Vorlegen des Textes zum einfachen Durchlesen.  Hierfür werden oft Freunde und Verwandte eingespannt, doch man sollte möglichst auch Fremde dafür finden, die einem ehrlicher antworten könnten.  Im Idealfall melden diese Leute dann zurück, ob es und was ihnen gefallen hat oder nicht.  Bisweilen kommen auch konkretere Vorschläge.
  • Im Korrektorat werden von einer Fachkraft (oder auch mehreren, wenn es besonders gründlich sein muss) alle Rechtschreib- und Grammatikfehler beseitigt.  Stilfragen und Inhaltliches des Textes werden aber nicht weiter beachtet.  Ein Korrektorat von einem ungeschliffenen Text ist also auch nur begrenzt sinnvoll.  Bisweilen liest sich der korrigierte Text sogar schlimmer (wenn auch korrekter) als das Original:

    Die Gruppe wusste genug und waren wie Freunde für ihn.

    Das könnte im Korrektorat zu Folgendem korrigiert werden:

    Die Gruppe wusste genug, und die Leute waren wie Freunde für ihn.

    Wobei dann geraten wurde, dass die Gruppe aus Leuten besteht, und eigentlich ist das nicht Aufgabe des Korrektorats.

    Oder das Korrektorat ist auf verlorenem Posten, weil die ganze Formulierung so nicht funktioniert:

    Sie wollte, dass ihre Kuchen ihm Freude machten und ihn auch am Mittag, wenn er zum Essen kam, er nun viel lieber kam, weil er sich auf einen leckeren Kuchen freuen konnte.

    Sie spricht leise aus Ehrfurcht, die Leichen würden sie hören.

    Hände, die sensibel seine Einsamkeit hinfort berührten.

    Solche Fälle brauchen ein Lektorat, kein Korrektorat.  Man kann es korrigieren, aber was dabei herauskommt, ist nicht besser als das Original.

  • Im Lektorat wird ein Text auf viele Aspekte hin abgeklopft und überarbeitet.  Dazu gehören:
    • Strukturierung
      Sätze, Absätze, Szenen, Kapitel, Teile, Bände.  Oft werden Absatzwechsel eingefügt, manchmal Textstellen neu angeordnet, selten auch Szenen oder Kapitel umsortiert.  Lücken im Text (zu große Sprünge, fehlende Erklärungen) werden identifiziert, Unnötiges entfernt.
    • Sprache
      • Missglückte Formulierungen

        Sein Studium war kein Kinderschlecken.

      • Unpassende Wörter

        Sie warf sich ihm an den Nacken.

      • Wortwiederholungen

        Wieder sprach sie ihn wieder an.

      • Satzstrukturwiederholungen

        Bald machte er sich auf den Weg. Gleich stand sie auf. Sofort wehrte er sich gegen ihre Begleitung.

      • Dopplungen

        Er langte in seine Tasche und holte mit einem Griff in sein Gepäck den Stadtplan hervor.

      • Zu lange Sätze
        Ab 28 Wörtern – so sagt die Forschung – schalten Leser ab.  Nicht alle und nicht sofort, aber wenn es sich häuft, verliert man nach und nach mehr und mehr Leser.
      • Komplizierte Satzstrukturen

        Die Leute wollten den, der die dem Bauern gehörenden Pferde geklaut hatte, lynchen.

      • Einhalten der Zeitformen

        Ich ging ins Zimmer und rufe nach Mama.

      • Einhalten der grammatischen Person der Erzählung
        (erste Person vs. dritte Person) usw.

        Ich ging zu Peter. »Komm mal mit«, sagte ich. Die beiden verließen zusammen das Zimmer.

    • Perspektive (siehe auch 4.2 Erzählperspektive)
      Geschichten müssen aus einer einheitlichen Perspektive erzählt werden, die nicht wahllos wechseln darf.

      Ich wunderte mich über das Klingeln, machte aber dennoch die Tür auf und plötzlich stand Peter vor mir. Peter erschrak und dachte kurz darüber nach, ob er weglaufen sollte.

    • Inhalt
      • Sachlich Falsches

        Die Hauptstadt von Budapest ist Ungarn.

      • Zusammenhangloses

        Sie marschierten gemeinsam durch die Straßen. Immer größer wurde ihre Gruppe, bis sie schließlich vor dem Präsidentenpalast ankamen, weil sie so viele waren.

        usw.
    • Emotionale Stimmigkeit

      Alle schauten betreten, während sie laut weinend vor Trauer niedersank und sich mit der Hand in einem Hundehaufen abstützte.

    • Pacing
      • Wie schnell kommt die Geschichte voran?
      • Gibt es in den richtigen Abständen neue Hooks für die Leser?
      • Wo sitzen die Plot Points?
      • Wird der Spannungsbogen aufrecht erhalten?
    • Figuren
      • Sind die handelnden Personen stimmig charakterisiert und passen ihre Handlungen zu ihnen?
      • Sind die Figuren interessant?
      • Passen sie zum Genre?
    • Logik
      • Ist die Handlung stimmig und überzeugend?
      • Gibt es Plot-Holes oder Inkonsistenzen?
    • … und noch viele andere Aspekte.

Im Wesentlichen kann man sagen, dass das Lektorat alle Schwächen eines Textes auszubügeln versucht, die über reine Rechtschreib- und Grammatikfehler hinausgehen.

Im englischen Sprachraum wird deshalb auch von mehreren verschiedenen Arten von Editors gesprochen, denen verschiedene Aufgaben zugeordnet werden (siehe diesen Blogartikel von Randy Ingermanson).  Das ist im deutschen Lektorat eher unüblich.  Es kommt allerdings vor, dass mehrere Lektoren nacheinander einen Text bearbeiten, und dann vielleicht auch mit verschiedenen Schwerpunkten.

Weist ein Text viele Probleme auf, ist ein Lektorat also sehr aufwendig.  Weist er keine Probleme auf, ist diese Arbeit nur ein einfaches Durchlesen und Abnicken.  (Wobei dieser Idealfall unrealistisch ist.)  In der Regel richtet sich der Preis eines Lektorats nach diesem Aufwand.  Ist der Ausgangstext zu schlecht, wird das Lektorat meist zu teuer für praktische Belange.  Viele Lektorinnen und Lektoren lehnen das Lektorat in solchen Fällen ab, manche verweisen dann auf Schreibkurse oder bieten stattdessen ein Ghostwriting an.

Lektorate sind üblich, wenn ein Manuskript von einem Verlag oder einer Agentur angenommen wird.  Aber auch Selfpublisher können sich ein Lektorat einkaufen.  Korrektorate macht man in der Regel ganz am Schluss unmittelbar vor dem Satz und dem Druck des Buches.

8.1 Erleichterungen

Testlesern kann man die Arbeit nicht erleichtern.  Ihre Aufgabe ist, den Text zu lesen und sich eine Meinung zu bilden, die man hinterher abfragt.  Diese Aufgabe kann nur angenehmer oder unangenehmer sein, je nachdem, ob dem Testleser der Text gefällt oder nicht.

Dem Korrektorat kann man die Arbeit schon erheblich erleichtern, indem man die grundlegenden Regeln beachtet, die nur das Wissen darum erfordern, wie z. B. die Zeichensetzung bei Dialogen.  Wenn dort bestimmte Dinge sehr oft oder immer falsch gemacht werden, wird die Korrektur sehr aufwendig und damit teuer.  Am billigsten zu korrigieren ist ein schlicht geschriebener Text ohne Fehler.

Dem Lektorat kann man die Arbeit immens erleichtern, indem man die grundlegenden Regeln des Schreibens schon vor dem Lektorat beachtet, von denen ich hier die sammle, die am häufigsten falsch gemacht werden.

Man wird durch Beachten der Regeln das Lektorat nicht komplett ersetzen können, aber es kann sehr viel kostengünstiger ausfallen oder überhaupt erst möglich werden.


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