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4.6.1 Rückblicke ← Schwierigkeiten von Anfängen ← Die Sprache der Erzählung

4.6.1 Rückblicke

Die sprachlichen Regeln zum Formulieren von Rückblicken werden genauer unter 4.3 Rückblicke beschrieben.


Es gibt die große Versuchung, die Ereignisse, die zu der aktuellen Situation geführt haben, als Rückblick zu erzählen, um so die vermeintliche Irritation zu verringern.

Mitten in der Nacht schlichen sich die drei dunkel gekleideten Gestalten an die Villa heran. Sie huschten von Busch zu Busch, bis sie schließlich an der Hauswand ankamen und durch ein offenstehendes Kellerfenster eindrangen. Den ganzen Tag hatten die drei schon mit der Planung und Besorgung von Werkzeugen verbracht. Gegen Abend hatten sie dann ein Auto aufgebrochen und waren losgefahren. Trotz eines Staus und einer ungeplanten Rast waren sie rechtzeitig bei der Villa eingetroffen und hatten sie noch etwa eine Stunde observiert. Schließlich hatten sie die dunkle Tarnkleidung angezogen und waren losgegangen. Im Keller angekommen zogen sie jetzt ihre Sturmhauben aus und gingen vorsichtig durch die dunklen Gänge zum Treppenhaus.

In diesem Text ist ein Großteil Rückblick, der erzählt, was vor der aktuellen Situation geschehen ist.

Neben all den Problemen, die unter 4.3 Rückblicke schon beschrieben sind, nimmt das dem Text die Dynamik.  Die ersten zwei Sätze bauen eine spannende Situation auf, aber die nächsten drei reißen uns gleich wieder raus und beschreiben einen vergleichsweise langweiligen Tag.

So ein Rückblick hilft der Geschichte nicht auf die Beine, sondern bremst sie aus.

Dabei muss der Rückblick nicht so früh kommen wie in dem überkurzen Beispiel oben.  Ein solch störender Rückblick kann auch auf den ersten Seiten oder in den ersten Kapiteln vorkommen.  Ob er störend ist oder nicht, hängt davon ab, wie lang er ist und an welcher Stelle er kommt.  Wenn die erste spannende Szene abgeschlossen ist, die Villa zum Beispiel ausgeraubt ist und die Protagonisten wieder zu Hause sitzen und die Beute aufteilen, dann kann ein Rückblick gut platziert sein.

Ebenso spielt eine große Rolle, ob die im Rückblick erzählten Ereignisse wichtig sind für die aktuelle Situation, ob sie etwas beitragen.  Den Einbruch aus dem Beispiel oben versteht man sicher auch ohne den Rückblick über die Vorbereitungen.

Aber das kann auch anders sein:

Mitten in der Nacht schlichen sich die drei dunkel gekleideten Gestalten an die Villa heran. Sie huschten von Busch zu Busch, bis sie schließlich an der Hauswand ankamen und durch ein offenstehendes Kellerfenster eindrangen. Einer der drei hatte vor wenigen Minuten die Sprengladungen für den Tresorraum eingesteckt und dabei nicht bemerkt, dass er versehentlich die Zeitzünder schon aktiviert hatte. Jetzt liefen die kostbaren vier Minuten schon. Im Keller angekommen zogen sie ihre Sturmhauben aus und gingen vorsichtig durch die dunklen Gänge zum Treppenhaus.

Nicht nur, dass der Rückblick deutlich kürzer ist – er erzählt uns auch etwas, das die Spannung steigert, weil es tatsächlich von Bedeutung für die akute Situation ist.

Natürlich kann dieselbe Handlung auch ganz ohne Rückblick erzählt werden:

Die drei Gestalten stiegen mitten in der Nacht aus dem Auto aus und zogen die dunkle Tarnkleidung an. Einer hatte die Sprengladungen für den Tresorraum und steckte sie in die Tasche, wobei er versehentlich den Schalter für die Zeitzünder aktivierte. Während die kostbaren vier Minuten bereits liefen, schlichen die Männer sich durch eine kleine Parkanlage an eine Villa heran. Sie huschten von Busch zu Busch, bis sie schließlich an der Hauswand ankamen und durch ein offenstehendes Kellerfenster eindrangen. Im Keller zogen sie ihre Sturmhauben aus und gingen vorsichtig durch die dunklen Gänge zum Treppenhaus.

Durch einen Rückblick kann man asynchron erzählen, also in einer Reihenfolge, die nicht dem Handlungsablauf entspricht.  Das kann einer Geschichte helfen, ihr mehr Spannung geben.  Unbeholfen eingesetzt schadet es aber eher.

Eine weitere große Klasse von ungeschickten Rückblicken bezieht sich auf den Hintergrund von Figuren:

Mitten in der Nacht schlichen sich die drei dunkel gekleideten Gestalten an die Villa heran. Sie huschten von Busch zu Busch, bis sie schließlich an der Hauswand ankamen und durch ein offenstehendes Kellerfenster eindrangen. Im Keller angekommen zogen sie ihre Sturmhauben aus. Das angespannte Gesicht des Anführers Jeff kam zum Vorschein. Er war schon mit neunzehn zum Militär gegangen und hatte dort eine Ausbildung zum Scharfschützen absolviert. Doch ihm hatte die Armee auf lange Sicht nicht zugesagt. Der Sold war ihm immer zu wenig gewesen. Ihm war schließlich der Gedanke gekommen, dass er mit seinen Fähigkeiten auf andere Weise sicherlich mehr Geld machen konnte, und so hatte er sich mit den beiden anderen, Erik und Patrick, angefreundet.

Wo waren wir noch mal?  Ach ja, bei einem spannenden Einbruch.

Solche Hintergrundgeschichten sind gut, aber sie müssen auch gut in der Erzählung platziert werden, und nicht alles gehört gleich an den Anfang.  Am Anfang einer Geschichte müssen vor allem interessante Fragen aufgeworfen werden, die den Leser fesseln und auf die er eine Antwort haben will.  Fragen wirft man aber mit viel kleineren Hinweisen auf, nicht mit kompletten Hintergrundgeschichten.

Mitten in der Nacht schlichen sich die drei dunkel gekleideten Gestalten an die Villa heran. Sie huschten von Busch zu Busch, bis sie schließlich an der Hauswand ankamen und durch ein offenstehendes Kellerfenster eindrangen. Im Keller angekommen zogen sie ihre Sturmhauben aus und gingen vorsichtig durch die dunklen Gänge zum Treppenhaus. Seit seiner Scharfschützenausbildung hatte Jeff, der Anführer der drei, keinen solchen Zugriff mehr geübt.


Nächster Abschnitt:  4.6.2 Perspektivwechsel

4.3.2 Geschachtelte ← Rückblicke ← Die Sprache der Erzählung

4.3.2 Geschachtelte Rückblicke

Es kommt vor, dass man in einem Rückblick etwas berichten will, das noch vor diesem Rückblick lag:

Tomas war schon lange Firmenchef. Er hatte die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und schließlich durch Fusionen als Marktführer etabliert.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Dabei kam ihm zugute, dass er noch immer Kontakt zu Peter aus dem Studium hatte. Seine Studienarbeit hatte er gemeinsam mit Peter verfasst, und darin war es um Mechanismen der Marktverdrängung gegangen. Einige der dort erörterten Methoden konnte er jetzt gut gebrauchen und holte sich deshalb seinen alten Kommilitonen wieder mit ins Boot. Doch es dauerte noch einige Jahre, bis er endlich auch die alten Zementwerke aufkaufen konnte.

Heute war er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

Noch einmal zur Verdeutlichung:

  • Tomas ist jetzt Firmenchef.
  • Tomas hat früher andere Firmen vom Markt verdrängt.
  • Tomas hat noch davor mit Peter studiert.

Die deutsche Sprache bietet kein geeignetes Mittel, um solche Sachverhalte adäquat auszudrücken.  Ich habe es in dem Text oben dennoch getan, indem ich die äußeren Rückblick (Firmen verdrängen) ins Präteritum habe wechseln lassen und dann den inneren Rückblick (Studium, oben unterstrichen dargestellt) wieder im Plusquamperfekt formuliert habe.

Doch wir sehen schon, wie kompliziert das wird.

Ich rate deshalb dazu, solche geschachtelten Rückblicke generell zu vermeiden.

Alternativen

Natürlich sind Umstände bisweilen kompliziert.  Sachverhalte wie der o. g. mit Tomas, der mit Peter studiert hat, dann eine Firma übernommen und die Konkurrenz verdrängt hat und sich jetzt in sein Büro begibt und dort Kaffee trinkt, sind nicht einmal ungewöhnlich.  Eine gute Geschichte steht und fällt geradezu mit ihren Figuren, deren Charakterisierung und Hintergrund.  Die Alternative kann und soll also nicht lauten, die Geschichten flacher zu machen.

Es geht vielmehr darum, die Komplexität der Geschichte in eine Form zu bringen, sodass man dem Leser alles Relevante vermitteln kann, ohne ihn dabei mit überbordender Grammatik und endlosen hatte-Kaskaden zu vergraulen.

Was kann man also tun, um die Geschichte in ihrer Komplexität möglichst einfach zu erzählen?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, die aber alle damit arbeiten, dass die Erzählung an sich umgestellt werden muss.  Welche Alternative für welche Geschichte am geeignetsten ist, muss einzeln entschieden werden.

Linear erzählen

Das geht auf verschiedene Weisen.  Man kann die Erzählung der Geschichte mit dem Studium beginnen, bei dem Peter und Tomas sich begegnen, dann beschreiben, wie Tomas die Firma übernimmt, die Konkurrenz verdrängt und schließlich in seinem Büro Kaffee trinkt.

Doch das ist in vielen Fällen keine gute Lösung.  Die eigentliche Geschichte soll ja die sein, wo Tomas Kaffee trinkt und da irgendetwas Interessantes geschieht.  Studium und Verdrängung der Konkurrenz sollen ja nur Hintergrund für die Figur Tomas sein.  Erzählt man also zunächst das Studium, dann fängt man dort mit einer Figur mit wenig Hintergrund an.

Man kann aber auch nur den Rückblick linear erzählen:

Tomas kam in sein Arbeitszimmer und nahm die Kanne aus der Kaffeemaschine gleich mit zu seinem Schreibtisch, wo er seinen Pott wieder vollgoss. Sein Vater hatte die Firma gegründet und aufgebaut, doch richtig gewachsen war sie erst unter Tomas’ Führung.

Schon vor vielen Jahren im Studium mit seinem Freund Peter interessierte er sich für Strategien zur Marktverdrängung. Später übernahm er die Firma von seinem Vater, erweiterte sie und begann, die Konkurrenz auszuschalten. Er schluckte die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Peter holte er wieder mit ins Boot, denn einige der Methoden aus ihrer gemeinsamen Studienarbeit konnte er jetzt gut gebrauchen.

Doch es hatte noch einige Jahre gedauert, bis er endlich auch die alten Zementwerke hatte aufkaufen können.

Heute war er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

Die Geschichte mit Peter, dem Studium und der gemeinsamen Studienarbeit ist an den Anfang des Rückblicks gerutscht, wo sie zeitlich auch hingehört.  Mit dem Signalwort vor vielen Jahren wird angezeigt, dass wir uns trotz Präteritum noch immer im Rückblick befinden, gegen Ende wird kurz ins Plusquamperfekt gewechselt, mit dem Signalwort heute wird geklärt, dass der Rückblick beendet ist.


Eine weitere Möglichkeit, die Ereignisse linear zu erzählen, besteht darin, sie an verschiedenen Stellen in der Erzählung unterzubringen.  Zunächst könnten nur das Studium, Peter und die Studienarbeit erwähnt werden ohne konkreten Bezug zur akuten Situation:

Tomas traf sich an diesem Abend mit seinen alten Freund Peter. Während ihres Studiums hatten sie eine gemeinsame Studienarbeit zu Strategien der Marktverdrängung verfasst und auch später hatten die beiden noch zusammengearbeitet.

Wenn dann später (z. B. in einem anderen Kapitel) das Ausschalten der Konkurrenz erzählt wird, wäre die alte Geschichte schon bekannt und könnte organisch einfließen:

Tomas kam in sein Arbeitszimmer und nahm die Kanne aus der Kaffeemaschine gleich mit zu seinem Schreibtisch, wo er seinen Pott wieder vollgoss. Sein Vater hatte die Firma gegründet und aufgebaut, doch richtig gewachsen war sie erst unter Tomas’ Führung. Er hatte die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und begonnen, die Konkurrenz auszuschalten.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Peter holte er wieder mit ins Boot, denn einige der Methoden aus ihrer Studienarbeit konnte er jetzt gut gebrauchen.

Doch es hatte noch einige Jahre gedauert, bis er endlich auch die alten Zementwerke hatte aufkaufen können.

Heute war er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

Diese Methode hat den Vorteil, dass man dem Leser die Möglichkeit bietet, etwas zu verstehen.  Wenn so ein Text funktioniert, löst die zweite Stelle eine Erinnerung an die erste aus, es fällt ein sprichwörtlicher Groschen beim Leser, was als angenehm empfunden wird.

Salamitaktik

Statt linear zu erzählen kann man komplexe Sachverhalte wie geschachtelte Vorgeschichten auch scheibchenweise an den Leser herausreichen.  Das würde in unserem Fall bedeuten, dass man zunächst den Rückblick auf das Verdrängen der Konkurrenz liefert und darin Peter erwähnt, aber noch nicht, was es mit Peter auf sich hat:

Tomas kam in sein Arbeitszimmer und nahm die Kanne aus der Kaffeemaschine gleich mit zu seinem Schreibtisch, wo er seinen Pott wieder vollgoss. Sein Vater hatte die Firma gegründet und aufgebaut, doch richtig gewachsen war sie erst unter Tomas’ Führung. Er hatte die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und begonnen, die Konkurrenz auszuschalten.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Dafür holte er seinen Freund Peter mit ins Boot, denn einige der Methoden aus ihrer gemeinsamen Studienarbeit konnte er jetzt gut gebrauchen.

Doch es hatte noch einige Jahre gedauert, bis er endlich auch die alten Zementwerke hatte aufkaufen können.

Heute war er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

Später in der Erzählung:

Tomas traf sich an diesem Abend mit Peter. Schon während ihres Studiums hatten sie eine gemeinsame Studienarbeit zu Strategien der Marktverdrängung verfasst. Die darin beschriebenen Mechanismen hatten ihnen später beim Schlucken der alten Zementwerke geholfen.

Die Salamitaktik wirft Fragen auf, lässt Dinge im Dunkeln und den Leser immer wieder mit einem Fragezeichen zurück.  Prinzipiell ist das eine gute Idee, sofern solche Dinge den Leser auch tatsächlich interessieren.  Bei einem Krimi oder einem Thriller kann es sich großartig machen, wenn man auf diese Weise Stück für Stück rückwärts erfährt, wie es zu einem Schlüsselmoment der Geschichte gekommen ist und wer im Endeffekt der Auslöser für die Ereignisse war.  In einer Liebesgeschichte ist so etwas vielleicht eher unangebracht.

Man sollte also gut überlegen, ob es überhaupt zum Genre passt.  Man sollte es auch nicht übertreiben und für jede Kleinigkeit neue Fragen aufwerfen.  Es kann auch sehr frustrierend für Leser sein, wenn sie hinter einem geheimnisvollen Umstand etwas Bedeutsames vermuten und dann später nur eine Banalität als Auflösung bekommen.

Im Extremfall kann man auch eine Kette von Dingen in gewürfelter Reihenfolge präsentieren, sodass der Leser sich die Ereignisse am Ende selbst zusammenstellen muss.

Dialoge

Neben der guten Möglichkeit, die Ereignisse von geschachtelten Rückblicken linear oder abschnittsweise verstreut zu erzählen, gibt es noch die Option, sie gar nicht selbst zu erzählen, sondern die Figuren sich unterhalten zu lassen und dadurch alle Umstände zu klären.  Bei dieser Methode hat man auch den großen Vorteil, problemlos etwas unterschlagen zu können, ohne dass der Leser sich deswegen betrogen fühlen wird.  Es war ja nur die Figur, die Dinge verschwiegen hat, nicht der Erzähler.

»Gib mir mal den Stapel da«, sagte Marion und zeigte auf einige Akten am anderen Endes des Schreibtischs.

Tomas nahm nur den oberen Teil und reichte ihn ihr herüber.

Marion blätterte interessiert durch die Akten. »Was ist das hier? Das sieht alt aus.« Sie hob ein paar Blätter an und las abwesend die darunter.

»Das ist aus der Zeit, als ich die Firma übernommen habe. Ich wollte es einmotten lassen.«

Marion schaute verblüfft auf. »Einmotten?«

Tomas wand sich. »Es sollte nicht in den Geschäftsunterlagen auftauchen.«

»Warum denn das nicht?«

Tomas schaute zum Fenster hinaus, dachte nach. »Wir haben damals nicht besonders fein agiert, um die alten Zementwerke zu übernehmen«, sagte er schließlich.

»›Wir‹?«, fragte Marion.

»Hm. Ja, Peter und ich. Ich hab mit ihm im Studium eine Strategie zur Marktverdrängung von Konkurrenz entwickelt. Ich hab ihn in die Firma geholt, als das mit den Zementwerken ein Problem wurde.«

»Ihr habt diese Ideen aus dem Studium umgesetzt?«

Tomas schaute wieder zu Marion und deutete auf die Akte in ihrer Hand. »Ja, das ist die Studienarbeit, die wir gemeinsam geschrieben haben.«


Nächster Abschnitt:  4.4 Ausblicke (Konjunktiv)

4.3.1 Lange ← Rückblicke ← Die Sprache der Erzählung

4.3.1 Lange Rückblicke (Perfekthäufungen)

Wenn ein Rückblick sehr lang ist, können sich die Formulierungen im Perfekt oder Plusquamperfekt häufen:

Tomas war schon lange Firmenchef. Er hatte die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und schließlich durch Fusionen als Marktführer etabliert. Er hatte die Brim AG geschluckt und die Ludersdorfer Werke in den Ruin getrieben, und schließlich hatte er sich mit einem komplizierten Plan daran gemacht, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Doch es hatte noch einige Jahre gedauert, bis er endlich auch die alten Zementwerke hatte aufkaufen können. Er war endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

So etwas ist korrekt, liest sich aber durch die vielen hatte nicht gut, besonders wenn tatsächlich eine längere Handlung, womöglich über mehr als eine halbe Seite, im Rückblick steht.

In solchen Fällen kann man sich behelfen, indem man den Anfang eines solchen Rückblicks im Plusquamperfekt hält, dann aber bei einem Absatz ins Präteritum wechselt und ein Signalwort verwendet, um dem Leser anzuzeigen, dass der Rückblick noch weitergeht:

Tomas war schon lange Firmenchef. Er hatte die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und schließlich durch Fusionen als Marktführer etabliert.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Doch es dauerte noch einige Jahre, bis er endlich auch die alten Zementwerke aufkaufen konnte.

Heute war er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

Die Signalwörter damals und heute – zusammen mit den dort passend gesetzten Absätzen – zeigen dem Leser an, dass der Rückblick fortgeführt wird bzw. jetzt beendet ist.

Wie lang die Einleitung im Plusquamperfekt sein sollte, ist wieder keine exakte Wissenschaft – meist geht man von einigen Sätzen aus, damit der Leser gut darauf eingestimmt ist, sich in einem Rückblick zu befinden.  (Um die Beispiele kurz zu halten ist die Einleitung hier generell etwas knapp.)

Ist der Rückblick so lang, dass man meint, den Leser zum Ende des Rückblicks daran erinnern zu wollen, dass er sich in einem Rückblick befindet, kann man auch gegen Ende des Rückblicks wieder für einige Sätze ins Plusquamperfekt wechseln, und das wieder mit einem Absatz kombinieren:

Tomas war schon lange Firmenchef. Er hatte die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und schließlich durch Fusionen als Marktführer etabliert.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen.

Doch es hatte noch einige Jahre gedauert, bis er endlich auch die alten Zementwerke hatte aufkaufen können.

Heute war er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

In einer Präsenserzählung wird für einen langen Rückblick einleitend ins Perfekt gewechselt, dann mit einem Signalwort ins Präteritum, und schließlich zum Ende des Rückblicks wieder mit einem Signalwort ins Präsens:

Tomas ist schon lange Firmenchef. Er hat die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und schließlich durch Fusionen als Marktführer etabliert.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Doch es dauerte noch einige Jahre, bis er endlich auch die alten Zementwerke aufkaufen konnte.

Heute ist er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol lässt ihn nachts gut schlafen.

Und mit einem Wechsel ins Perfekt kurz vor Ende des Rückblicks:

Tomas ist schon lange Firmenchef. Er hat die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und schließlich durch Fusionen als Marktführer etabliert.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen.

Doch es hat noch einige Jahre gedauert, bis er endlich auch die alten Zementwerke hat aufkaufen können.

Heute ist er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol lässt ihn nachts gut schlafen.


Nächster Abschnitt:  4.3.2 Geschachtelte Rückblicke

4.3 Rückblicke ← Die Sprache der Erzählung

4.3 Rückblicke (Perfekt)

Wenn in Geschichten etwas berichtet werden soll, das vor dem aktuellen Zeitpunkt geschehen ist, nennt man das einen Rückblick.  Um sie sprachlich zu formulieren wird eine andere grammatische Zeitform gewählt.

Tomas kam in sein Arbeitszimmer und ließ sich in den Chefsessel hinter dem Schreibtisch fallen. Er vergrub das Gesicht in den Händen. Vor weniger als einer Stunde hatte er diesen schrecklichen Autounfall beobachtet. Zwei Menschen waren gestorben, und er hatte es mitansehen müssen.

In dieser Erzählung im Präteritum (kam, ließ, vergrub) wird in das Plusquamperfekt gewechselt (hatte … beobachtet, waren gestorben, hatte … müssen), wenn ein Rückblick erfolgt.  Bei einer Erzählung im Präsens (kommt, lässt, vergräbt) wird für einen Rückblick ins einfache Perfekt gewechselt (hat … gesehen, sind gestorben, hat … müssen):

Tomas kommt in sein Arbeitszimmer und lässt sich in den Chefsessel hinter dem Schreibtisch fallen. Er vergräbt das Gesicht in den Händen. Vor weniger als einer Stunde hat er diesen schrecklichen Autounfall beobachtet. Zwei Menschen sind gestorben, und er hat es mitansehen müssen.

Bei Geschichten im Präsens kann man für einen Rückblick auch in das Präteritum (kam, s. u.) wechseln.  Das wird vor allem genutzt, wenn der erwähnte Umstand lange in der Vergangenheit liegt und eine eher statische Natur hat.

Tomas kommt in sein Arbeitszimmer und nimmt die Kanne aus der Kaffeemaschine gleich mit zu seinem Schreibtisch, wo er seinen Pott wieder vollgießt. Sein Vater war nur Arbeiter, doch Tomas ist Firmenchef, und entsprechend gebärdet er sich auch.

Der Status seines Vaters ist keine wirklich Handlung, daher passt das Präteritum in diesem Fall.  Sobald der berichtete Umstand des Rückblicks eine gewisse Dynamik entwickelt, macht sich aber das Perfekt besser:

Tomas kommt in sein Arbeitszimmer und nimmt die Kanne aus der Kaffeemaschine gleich mit zu seinem Schreibtisch, wo er seinen Pott wieder vollgießt. Sein Vater hat die Firma gegründet und aufgebaut, doch richtig gewachsen ist sie erst unter Tomas’ Führung.

Es gibt keine eindeutigen Regeln dafür, wo in Präsenserzählungen besser Präteritum und wo besser Perfekt genutzt wird.  Da ist Sprachgefühl gefragt, und schlussendlich ist es oft auch Geschmackssache.


Nächster Abschnitt:  4.3.1 Lange Rückblicke (Perfekthäufungen)