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4.4 Ausblicke ← Die Sprache der Erzählung

4.4 Ausblicke (Konjunktiv)

In Erzählungen im Präteritum

Es kommt vor, dass in Erzählungen berichtet wird, was aus der aktuellen Situation heraus in der Zukunft erwartet wird.  Dafür wird dann der Konjunktiv verwendet:

Tomas kam in sein Büro und goss sich sofort Kaffee in seinen Pott. In wenigen Minuten würde Marion hereinkommen, und dann würde er ihr sofort die Akten geben.

Mit dieser Form wird erzählt, dass eine sehr konkrete Erwartung an die Zukunft im Raum steht.

Man kann durchaus der Ansicht sein, dass es sich hier gar nicht um einen Konjunktiv handelt, sondern lediglich um das Präteritum des Verbs werden.  Diese Frage ist für das Schreiben von Geschichten aber ohne weiteren Belang.

Die »feinere« Variante des Konjunktivs ohne würde (hereinkäme statt würde … hereinkommen) bleibt dem Potentialis vorbehalten (»könnte passieren«):

Tomas kam in sein Büro und goss sich sofort Kaffee in seinen Pott. Falls in wenigen Minuten Marion hereinkäme, würde er ihr sofort die Akten geben. Aber wahrscheinlicher war, dass er sie ihr würde bringen müssen.

Der Satzteil nach dem Komma (würde … geben) und der letzte Satz sind weiterhin konkrete Ausblicke, daher bleibt es dort bei der Verwendung von würde.

Man liest aber auch die »feinere« Variante des Konjunktivs ohne würde als Ausblick:  In wenigen Minuten käme Marion herein, und dann gäbe er ihr sofort die Akten.

Klar falsch ist hier keine Version, und schlussendlich ist es eine Stilfrage, die auch mit dem Genre abgewogen werden sollte.

Der Irrealis (»hätte passiert sein können«) kann nicht in Ausblicken vorkommen, da er Dinge überdenkt, die schon bekannterweise nicht geschehen oder nicht der Fall sind – hier nur der Vollständigkeit halber:

Tomas kam in sein Büro und goss sich sofort Kaffee in seinen Pott. Wäre Marion jetzt hereingekommen, hätte er ihr sofort die Akten gegeben. Aber offensichtlich würde er sie ihr bringen müssen.

In Erzählungen im Präsens

Hier kann das einfache Futur benutzt werden:

Tomas kommt in sein Büro und gießt sich sofort Kaffee in seinen Pott. In wenigen Minuten wird Marion hereinkommen, und dann wird er ihr sofort die Akten geben.

Aber auch im Präsens findet sich bisweilen der Konjunktiv für Ausblicke (s. o. bei Präteritum).  Klar falsch ist wieder keine Version, wieder ist es eine Stilfrage (s. o.).

Einhaltung der Perspektive

Auch bei Ausblicken ist zu beachten, dass die Perspektive der Erzählung (siehe 4.2 Erzählperspektive) nicht verlassen werden darf.  Erzählt man in der personalen Perspektive, sollten nur Erwartungen genannt werden, die die Figur hat, aus deren Perspektive man erzählt.  In der neutralen Perspektive kann man ausschließlich Ausblicke erzählen, die unabhängig von den Figuren sind:

Tomas und Marion warteten an der Bushaltestelle. Der Bus würde bald kommen, doch nichts würde Tomas dazu bringen, dann einzusteigen.

Der erste Teil des Ausblicks (Der Bus würde bald kommen) ist ein Ausblick, den auch ein neutraler Erzähler machen könnte, doch der zweite Teil (… nichts würde Tomas dazu bringen, dann einzusteigen) ist nicht mehr neutral, sondern beschreibt die Absicht Tomas’ und ist damit eine personale Perspektive.


In der personalen Perspektive kann man nur Ausblicke formulieren, die die Figur hat, deren Perspektive man erzählt:

»Lass mich in Ruhe!«, sagte Tomas. Er würde die aufdringliche Marion nie ins Vertrauen ziehen!

»Ich will doch nur wissen, was mit der Firma los ist!« Mit etwas mehr Überredungskünsten würde Marion ihn schon noch überzeugen können, ihr alles zu erzählen.

Die beiden hier genannten Ausblicke sind die Erwartungen verschiedener Personen.  Damit findet ein Perspektivwechsel statt.

So etwas ist ein Kennzeichen eines auktorialen Erzählers.  In der personalen Perspektive ist das nicht möglich, da dort so ein Wechsel nicht spontan in einer Szene erfolgen kann.


Nächster Abschnitt:  4.5 Anreden (Duzen, Siezen, Ihrzen)

4.3.2 Geschachtelte ← Rückblicke ← Die Sprache der Erzählung

4.3.2 Geschachtelte Rückblicke

Es kommt vor, dass man in einem Rückblick etwas berichten will, das noch vor diesem Rückblick lag:

Tomas war schon lange Firmenchef. Er hatte die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und schließlich durch Fusionen als Marktführer etabliert.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Dabei kam ihm zugute, dass er noch immer Kontakt zu Peter aus dem Studium hatte. Seine Studienarbeit hatte er gemeinsam mit Peter verfasst, und darin war es um Mechanismen der Marktverdrängung gegangen. Einige der dort erörterten Methoden konnte er jetzt gut gebrauchen und holte sich deshalb seinen alten Kommilitonen wieder mit ins Boot. Doch es dauerte noch einige Jahre, bis er endlich auch die alten Zementwerke aufkaufen konnte.

Heute war er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

Noch einmal zur Verdeutlichung:

  • Tomas ist jetzt Firmenchef.
  • Tomas hat früher andere Firmen vom Markt verdrängt.
  • Tomas hat noch davor mit Peter studiert.

Die deutsche Sprache bietet kein geeignetes Mittel, um solche Sachverhalte adäquat auszudrücken.  Ich habe es in dem Text oben dennoch getan, indem ich die äußeren Rückblick (Firmen verdrängen) ins Präteritum habe wechseln lassen und dann den inneren Rückblick (Studium, oben unterstrichen dargestellt) wieder im Plusquamperfekt formuliert habe.

Doch wir sehen schon, wie kompliziert das wird.

Ich rate deshalb dazu, solche geschachtelten Rückblicke generell zu vermeiden.

Alternativen

Natürlich sind Umstände bisweilen kompliziert.  Sachverhalte wie der o. g. mit Tomas, der mit Peter studiert hat, dann eine Firma übernommen und die Konkurrenz verdrängt hat und sich jetzt in sein Büro begibt und dort Kaffee trinkt, sind nicht einmal ungewöhnlich.  Eine gute Geschichte steht und fällt geradezu mit ihren Figuren, deren Charakterisierung und Hintergrund.  Die Alternative kann und soll also nicht lauten, die Geschichten flacher zu machen.

Es geht vielmehr darum, die Komplexität der Geschichte in eine Form zu bringen, sodass man dem Leser alles Relevante vermitteln kann, ohne ihn dabei mit überbordender Grammatik und endlosen hatte-Kaskaden zu vergraulen.

Was kann man also tun, um die Geschichte in ihrer Komplexität möglichst einfach zu erzählen?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, die aber alle damit arbeiten, dass die Erzählung an sich umgestellt werden muss.  Welche Alternative für welche Geschichte am geeignetsten ist, muss einzeln entschieden werden.

Linear erzählen

Das geht auf verschiedene Weisen.  Man kann die Erzählung der Geschichte mit dem Studium beginnen, bei dem Peter und Tomas sich begegnen, dann beschreiben, wie Tomas die Firma übernimmt, die Konkurrenz verdrängt und schließlich in seinem Büro Kaffee trinkt.

Doch das ist in vielen Fällen keine gute Lösung.  Die eigentliche Geschichte soll ja die sein, wo Tomas Kaffee trinkt und da irgendetwas Interessantes geschieht.  Studium und Verdrängung der Konkurrenz sollen ja nur Hintergrund für die Figur Tomas sein.  Erzählt man also zunächst das Studium, dann fängt man dort mit einer Figur mit wenig Hintergrund an.

Man kann aber auch nur den Rückblick linear erzählen:

Tomas kam in sein Arbeitszimmer und nahm die Kanne aus der Kaffeemaschine gleich mit zu seinem Schreibtisch, wo er seinen Pott wieder vollgoss. Sein Vater hatte die Firma gegründet und aufgebaut, doch richtig gewachsen war sie erst unter Tomas’ Führung.

Schon vor vielen Jahren im Studium mit seinem Freund Peter interessierte er sich für Strategien zur Marktverdrängung. Später übernahm er die Firma von seinem Vater, erweiterte sie und begann, die Konkurrenz auszuschalten. Er schluckte die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Peter holte er wieder mit ins Boot, denn einige der Methoden aus ihrer gemeinsamen Studienarbeit konnte er jetzt gut gebrauchen.

Doch es hatte noch einige Jahre gedauert, bis er endlich auch die alten Zementwerke hatte aufkaufen können.

Heute war er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

Die Geschichte mit Peter, dem Studium und der gemeinsamen Studienarbeit ist an den Anfang des Rückblicks gerutscht, wo sie zeitlich auch hingehört.  Mit dem Signalwort vor vielen Jahren wird angezeigt, dass wir uns trotz Präteritum noch immer im Rückblick befinden, gegen Ende wird kurz ins Plusquamperfekt gewechselt, mit dem Signalwort heute wird geklärt, dass der Rückblick beendet ist.


Eine weitere Möglichkeit, die Ereignisse linear zu erzählen, besteht darin, sie an verschiedenen Stellen in der Erzählung unterzubringen.  Zunächst könnten nur das Studium, Peter und die Studienarbeit erwähnt werden ohne konkreten Bezug zur akuten Situation:

Tomas traf sich an diesem Abend mit seinen alten Freund Peter. Während ihres Studiums hatten sie eine gemeinsame Studienarbeit zu Strategien der Marktverdrängung verfasst und auch später hatten die beiden noch zusammengearbeitet.

Wenn dann später (z. B. in einem anderen Kapitel) das Ausschalten der Konkurrenz erzählt wird, wäre die alte Geschichte schon bekannt und könnte organisch einfließen:

Tomas kam in sein Arbeitszimmer und nahm die Kanne aus der Kaffeemaschine gleich mit zu seinem Schreibtisch, wo er seinen Pott wieder vollgoss. Sein Vater hatte die Firma gegründet und aufgebaut, doch richtig gewachsen war sie erst unter Tomas’ Führung. Er hatte die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und begonnen, die Konkurrenz auszuschalten.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Peter holte er wieder mit ins Boot, denn einige der Methoden aus ihrer Studienarbeit konnte er jetzt gut gebrauchen.

Doch es hatte noch einige Jahre gedauert, bis er endlich auch die alten Zementwerke hatte aufkaufen können.

Heute war er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

Diese Methode hat den Vorteil, dass man dem Leser die Möglichkeit bietet, etwas zu verstehen.  Wenn so ein Text funktioniert, löst die zweite Stelle eine Erinnerung an die erste aus, es fällt ein sprichwörtlicher Groschen beim Leser, was als angenehm empfunden wird.

Salamitaktik

Statt linear zu erzählen kann man komplexe Sachverhalte wie geschachtelte Vorgeschichten auch scheibchenweise an den Leser herausreichen.  Das würde in unserem Fall bedeuten, dass man zunächst den Rückblick auf das Verdrängen der Konkurrenz liefert und darin Peter erwähnt, aber noch nicht, was es mit Peter auf sich hat:

Tomas kam in sein Arbeitszimmer und nahm die Kanne aus der Kaffeemaschine gleich mit zu seinem Schreibtisch, wo er seinen Pott wieder vollgoss. Sein Vater hatte die Firma gegründet und aufgebaut, doch richtig gewachsen war sie erst unter Tomas’ Führung. Er hatte die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und begonnen, die Konkurrenz auszuschalten.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Dafür holte er seinen Freund Peter mit ins Boot, denn einige der Methoden aus ihrer gemeinsamen Studienarbeit konnte er jetzt gut gebrauchen.

Doch es hatte noch einige Jahre gedauert, bis er endlich auch die alten Zementwerke hatte aufkaufen können.

Heute war er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

Später in der Erzählung:

Tomas traf sich an diesem Abend mit Peter. Schon während ihres Studiums hatten sie eine gemeinsame Studienarbeit zu Strategien der Marktverdrängung verfasst. Die darin beschriebenen Mechanismen hatten ihnen später beim Schlucken der alten Zementwerke geholfen.

Die Salamitaktik wirft Fragen auf, lässt Dinge im Dunkeln und den Leser immer wieder mit einem Fragezeichen zurück.  Prinzipiell ist das eine gute Idee, sofern solche Dinge den Leser auch tatsächlich interessieren.  Bei einem Krimi oder einem Thriller kann es sich großartig machen, wenn man auf diese Weise Stück für Stück rückwärts erfährt, wie es zu einem Schlüsselmoment der Geschichte gekommen ist und wer im Endeffekt der Auslöser für die Ereignisse war.  In einer Liebesgeschichte ist so etwas vielleicht eher unangebracht.

Man sollte also gut überlegen, ob es überhaupt zum Genre passt.  Man sollte es auch nicht übertreiben und für jede Kleinigkeit neue Fragen aufwerfen.  Es kann auch sehr frustrierend für Leser sein, wenn sie hinter einem geheimnisvollen Umstand etwas Bedeutsames vermuten und dann später nur eine Banalität als Auflösung bekommen.

Im Extremfall kann man auch eine Kette von Dingen in gewürfelter Reihenfolge präsentieren, sodass der Leser sich die Ereignisse am Ende selbst zusammenstellen muss.

Dialoge

Neben der guten Möglichkeit, die Ereignisse von geschachtelten Rückblicken linear oder abschnittsweise verstreut zu erzählen, gibt es noch die Option, sie gar nicht selbst zu erzählen, sondern die Figuren sich unterhalten zu lassen und dadurch alle Umstände zu klären.  Bei dieser Methode hat man auch den großen Vorteil, problemlos etwas unterschlagen zu können, ohne dass der Leser sich deswegen betrogen fühlen wird.  Es war ja nur die Figur, die Dinge verschwiegen hat, nicht der Erzähler.

»Gib mir mal den Stapel da«, sagte Marion und zeigte auf einige Akten am anderen Endes des Schreibtischs.

Tomas nahm nur den oberen Teil und reichte ihn ihr herüber.

Marion blätterte interessiert durch die Akten. »Was ist das hier? Das sieht alt aus.« Sie hob ein paar Blätter an und las abwesend die darunter.

»Das ist aus der Zeit, als ich die Firma übernommen habe. Ich wollte es einmotten lassen.«

Marion schaute verblüfft auf. »Einmotten?«

Tomas wand sich. »Es sollte nicht in den Geschäftsunterlagen auftauchen.«

»Warum denn das nicht?«

Tomas schaute zum Fenster hinaus, dachte nach. »Wir haben damals nicht besonders fein agiert, um die alten Zementwerke zu übernehmen«, sagte er schließlich.

»›Wir‹?«, fragte Marion.

»Hm. Ja, Peter und ich. Ich hab mit ihm im Studium eine Strategie zur Marktverdrängung von Konkurrenz entwickelt. Ich hab ihn in die Firma geholt, als das mit den Zementwerken ein Problem wurde.«

»Ihr habt diese Ideen aus dem Studium umgesetzt?«

Tomas schaute wieder zu Marion und deutete auf die Akte in ihrer Hand. »Ja, das ist die Studienarbeit, die wir gemeinsam geschrieben haben.«


Nächster Abschnitt:  4.4 Ausblicke (Konjunktiv)

4.3.1 Lange ← Rückblicke ← Die Sprache der Erzählung

4.3.1 Lange Rückblicke (Perfekthäufungen)

Wenn ein Rückblick sehr lang ist, können sich die Formulierungen im Perfekt oder Plusquamperfekt häufen:

Tomas war schon lange Firmenchef. Er hatte die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und schließlich durch Fusionen als Marktführer etabliert. Er hatte die Brim AG geschluckt und die Ludersdorfer Werke in den Ruin getrieben, und schließlich hatte er sich mit einem komplizierten Plan daran gemacht, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Doch es hatte noch einige Jahre gedauert, bis er endlich auch die alten Zementwerke hatte aufkaufen können. Er war endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

So etwas ist korrekt, liest sich aber durch die vielen hatte nicht gut, besonders wenn tatsächlich eine längere Handlung, womöglich über mehr als eine halbe Seite, im Rückblick steht.

In solchen Fällen kann man sich behelfen, indem man den Anfang eines solchen Rückblicks im Plusquamperfekt hält, dann aber bei einem Absatz ins Präteritum wechselt und ein Signalwort verwendet, um dem Leser anzuzeigen, dass der Rückblick noch weitergeht:

Tomas war schon lange Firmenchef. Er hatte die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und schließlich durch Fusionen als Marktführer etabliert.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Doch es dauerte noch einige Jahre, bis er endlich auch die alten Zementwerke aufkaufen konnte.

Heute war er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

Die Signalwörter damals und heute – zusammen mit den dort passend gesetzten Absätzen – zeigen dem Leser an, dass der Rückblick fortgeführt wird bzw. jetzt beendet ist.

Wie lang die Einleitung im Plusquamperfekt sein sollte, ist wieder keine exakte Wissenschaft – meist geht man von einigen Sätzen aus, damit der Leser gut darauf eingestimmt ist, sich in einem Rückblick zu befinden.  (Um die Beispiele kurz zu halten ist die Einleitung hier generell etwas knapp.)

Ist der Rückblick so lang, dass man meint, den Leser zum Ende des Rückblicks daran erinnern zu wollen, dass er sich in einem Rückblick befindet, kann man auch gegen Ende des Rückblicks wieder für einige Sätze ins Plusquamperfekt wechseln, und das wieder mit einem Absatz kombinieren:

Tomas war schon lange Firmenchef. Er hatte die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und schließlich durch Fusionen als Marktführer etabliert.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen.

Doch es hatte noch einige Jahre gedauert, bis er endlich auch die alten Zementwerke hatte aufkaufen können.

Heute war er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol ließ ihn nachts gut schlafen.

In einer Präsenserzählung wird für einen langen Rückblick einleitend ins Perfekt gewechselt, dann mit einem Signalwort ins Präteritum, und schließlich zum Ende des Rückblicks wieder mit einem Signalwort ins Präsens:

Tomas ist schon lange Firmenchef. Er hat die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und schließlich durch Fusionen als Marktführer etabliert.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen. Doch es dauerte noch einige Jahre, bis er endlich auch die alten Zementwerke aufkaufen konnte.

Heute ist er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol lässt ihn nachts gut schlafen.

Und mit einem Wechsel ins Perfekt kurz vor Ende des Rückblicks:

Tomas ist schon lange Firmenchef. Er hat die Firma von seinem Vater übernommen, dann erweitert und schließlich durch Fusionen als Marktführer etabliert.

Er schluckte damals die Brim AG und trieb die Ludersdorfer Werke in den Ruin, und schließlich machte er sich mit einem komplizierten Plan daran, den letzten Platzhirsch in der Region anzugreifen.

Doch es hat noch einige Jahre gedauert, bis er endlich auch die alten Zementwerke hat aufkaufen können.

Heute ist er endlich zufrieden mit sich und der Welt. Nur das aufgebaute Monopol lässt ihn nachts gut schlafen.


Nächster Abschnitt:  4.3.2 Geschachtelte Rückblicke

4.3 Rückblicke ← Die Sprache der Erzählung

4.3 Rückblicke (Perfekt)

Wenn in Geschichten etwas berichtet werden soll, das vor dem aktuellen Zeitpunkt geschehen ist, nennt man das einen Rückblick.  Um sie sprachlich zu formulieren wird eine andere grammatische Zeitform gewählt.

Tomas kam in sein Arbeitszimmer und ließ sich in den Chefsessel hinter dem Schreibtisch fallen. Er vergrub das Gesicht in den Händen. Vor weniger als einer Stunde hatte er diesen schrecklichen Autounfall beobachtet. Zwei Menschen waren gestorben, und er hatte es mitansehen müssen.

In dieser Erzählung im Präteritum (kam, ließ, vergrub) wird in das Plusquamperfekt gewechselt (hatte … beobachtet, waren gestorben, hatte … müssen), wenn ein Rückblick erfolgt.  Bei einer Erzählung im Präsens (kommt, lässt, vergräbt) wird für einen Rückblick ins einfache Perfekt gewechselt (hat … gesehen, sind gestorben, hat … müssen):

Tomas kommt in sein Arbeitszimmer und lässt sich in den Chefsessel hinter dem Schreibtisch fallen. Er vergräbt das Gesicht in den Händen. Vor weniger als einer Stunde hat er diesen schrecklichen Autounfall beobachtet. Zwei Menschen sind gestorben, und er hat es mitansehen müssen.

Bei Geschichten im Präsens kann man für einen Rückblick auch in das Präteritum (kam, s. u.) wechseln.  Das wird vor allem genutzt, wenn der erwähnte Umstand lange in der Vergangenheit liegt und eine eher statische Natur hat.

Tomas kommt in sein Arbeitszimmer und nimmt die Kanne aus der Kaffeemaschine gleich mit zu seinem Schreibtisch, wo er seinen Pott wieder vollgießt. Sein Vater war nur Arbeiter, doch Tomas ist Firmenchef, und entsprechend gebärdet er sich auch.

Der Status seines Vaters ist keine wirklich Handlung, daher passt das Präteritum in diesem Fall.  Sobald der berichtete Umstand des Rückblicks eine gewisse Dynamik entwickelt, macht sich aber das Perfekt besser:

Tomas kommt in sein Arbeitszimmer und nimmt die Kanne aus der Kaffeemaschine gleich mit zu seinem Schreibtisch, wo er seinen Pott wieder vollgießt. Sein Vater hat die Firma gegründet und aufgebaut, doch richtig gewachsen ist sie erst unter Tomas’ Führung.

Es gibt keine eindeutigen Regeln dafür, wo in Präsenserzählungen besser Präteritum und wo besser Perfekt genutzt wird.  Da ist Sprachgefühl gefragt, und schlussendlich ist es oft auch Geschmackssache.


Nächster Abschnitt:  4.3.1 Lange Rückblicke (Perfekthäufungen)

4 Die Sprache der Erzählung

4 Die Sprache der Erzählung

Briefe, Dokumentationen, Zeitungen, Texte für Nachrichtensprecher, Betriebsanleitungen – sie alle haben bestimmten sprachliche Regeln, die sich voneinander unterscheiden, auch wenn sie alle in Deutsch geschrieben sind.  Was ich im Folgenden zu Geschichten sage, gilt also nur für Geschichten (Romane, Erzählungen).

4.1 Präsens oder Präteritum

Jede Geschichte ist entweder im Präsens (Gegenwart) oder im Präteritum (Vergangenheit, auch Imperfekt genannt) geschrieben.  Die meisten tatsächlich im Präteritum:

Aragorn eilte weiter den Berg hinauf. Dann und wann bückte er sich und untersuchte den Boden.

Im Präsens würde der Text lauten:

Aragorn eilt weiter den Berg hinauf. Dann und wann bückt er sich und untersucht den Boden.

Eine der ersten Entscheidungen beim Schreiben einer Geschichte sollte immer sein, ob sie im Präsens oder im Präteritum erzählt wird, denn das muss einheitlich sein (siehe aber auch die Vorbemerkung zu Regeln).

Ich halte das Präteritum für die einfachere Version, weil sie weiter verbreitet ist.  Das Präsens bietet zudem einige Freiheiten mehr und verlangt damit auch mehr Sprachgefühl beim Schreiben.  Die größere Variantenbreite bietet auch mehr Möglichkeiten, Fehler einzubauen.

Im Präteritum wird alles aus einem späteren Zeitpunkt erzählt, dadurch entspricht es der natürlichen Art, wie über tatsächliche Ereignisse berichtet wird.  Ein Erzähler berichtet zum Zeitpunkt X, was erheblich vor diesem Zeitpunkt X geschehen ist.  Das hat einige natürliche Konsequenzen.

Der Erzähler berichtet etwas, das er selbst wahrgenommen hat oder das ihm so von jemandem überliefert worden ist.  Er berichtet es aber aus seiner Sicht von heute, also vom Zeitpunkt X aus.  Seine emotionale Verbindung zur Geschichte ist also zeitlich distanziert.

Im Präsens hingegen wird erzählt, als würde die Geschichte gerade jetzt zum Zeitpunkt des Erzählens auch stattfinden.  Das verringert die Distanz, was zu mitreißenderen, spannenderen Texten führen kann.

Die Erzählung im Präteritum kann zwei Ausprägungen haben:

  • Episches Präteritum

    Alle Dinge werden beschrieben, als wären sie (nur) zur Zeit der Handlung aktuell.  Dann werden auch alle Dinge, die eigentlich zeitlos sind, im Präteritum erzählt:

    Hans ging den Ku’damm entlang. An seinem Ende stand die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mit ihrem markanten im Krieg zer­störten Turm.

    Es spielt hier keine Rolle, ob die Kirche auch heute (zum Zeitpunkt des Erzählens der Geschichte) noch dort steht.  Die Geschichte wird im epischen Präteritum erzählt, also wird alles im Präteritum formuliert.  Sogar solche Sätze sind dann richtig:

    Schon morgen war Weihnachten.

    Obwohl morgen inhaltlich auf etwas in der Zukunft hindeutet, bleibt man bei Erzählungen im epischen Präteritum beim war, was in der Vergangenheit liegt.  Gemeint ist natürlich, dass der nächste Tag Weihnachten war.

  • Berichtendes Präteritum

    Dinge werden wie in einem Bericht formuliert, sodass Zeitloses oder zum Zeitpunkt des Berichtens noch Aktuelles nicht im Präteritum, sondern im Präsens formuliert wird:

    Aragorn eilte weiter den Berg hinauf. Dann und wann bückte er sich und untersuchte den Boden. Hobbits haben einen leichten Schritt, und selbst für einen Waldläufer sind ihre Fußspuren nicht leicht zu lesen; …

    Die Erläuterung zu den Spuren, die Hobbits hinterlassen, steht hier im Präsens, weil sie zeitlos ist.  Und auch wenn der Herr der Ringe einige Eigenschaften eines Epos hat, ist er in dieser Hinsicht nicht im epischen Präteritum verfasst.  Im Gegenteil beginnt Tolkien seine Erzählung mit einem Bericht über Hobbits, der ebenfalls im Präsens verfasst ist:

    Die Hobbits sind ein unauffälliges, aber sehr altes Volk, …

    Dadurch vermittelt er einen Eindruck von Aktualität, als wären die Hobbits auch heute noch Teil unserer Welt.  Auf der Basis dieser Einleitung macht es Sinn, auch in der späteren Handlung immer wieder solche scheinbar aktuellen Fakten im Präsens zu formulieren.


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